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Die syrische Braut

F/D/IL 2004. R,B: Eran Riklis. B: Suha Arraf. K: Michael Wiesweg. S: Tova Asher. M: Cyril Morin. P: Neue Impuls, MACT, Paris. D: Hiam Abbas, Makram J. Khoury u.a.
96 Min. timebandits ab 17.3.05

Aufbruchstimmung

Von Jutta Klocke Reglos wie ein übriggebliebener Sahnebaiser hockt die Braut in ihrem weißen Kleid inmitten des Tumults. Am Tag ihrer eigenen Hochzeit ist Mona die Unbeteiligtste von allen. In ihrem Dorf wartet sie darauf, den baldigen Ehemann überhaupt erst einmal kennenzulernen. Die beiden sind sich noch nie begegnet, das Gesicht des Serienstars kennt sie nur aus dem Fernsehen.

Mit Die syrische Braut nimmt sich der israelische Regisseur Eran Riklis einem heiklen und äußerst komplexen politischen Thema auf sehr behutsame und doch vehemente Weise an. Monas Familie gehört zur religiösen Minderheit der Drusen, die, auf den Golan-Höhen lebend, zwar von Israel geduldet werden, aber keine eigene Nationalität besitzen. Daß Mona einen Syrier jenseits der israelischen Grenze heiraten soll, bedeutet gleichzeitig, von ihrer Familie Abschied zu nehmen, denn einmal in das fremde Land eingereist, bleibt ihr eine Rückkehr verwehrt. Der scheinbar unlösbare Konflikt um die umkämpfte Region spaltet auch die Dorfbewohner in Anhänger Syriens und Israels. In einer solchen geographisch, politisch und religiös undefinierten Umwelt suchen die hier Lebenden ihre Identität auf unterschiedlichen Ebenen.

Der Schauplatz des Films ist mit Bedacht gewählt. In ihm findet sich ein realer Ort, an dem sich die persönliche Suche des Einzelnen nach individuellem Glück mit dem allgemeinmenschlichen Bedürfnis nach Selbstbestimmung verbindet. Riklis nutzt das der Region eigene symbolische Potential; in den Bildern ist das Motiv der Grenze in Form von Toren, Schranken und Zäunen allgegenwärtig. Der Film verharrt aber nicht in einer rein allegorischen Pose, sondern spürt das Universelle im Konkreten auf. Die erzählte Zeitspanne umfaßt nur einige Stunden, die Handlung spielt sich im – mehr oder weniger – privaten Rahmen der letzten Hochzeitsvorbereitungen ab.

Anhand der einzelnen Mitglieder von Monas Familie werden die auseinanderdriftenden, sich bisweilen auch durchkreuzenden Wege der persönlichen Identitätsfindung aufgezeigt. Der Vater wie der Schwiegersohn versuchen sich auf politischer Ebene über eine anti-israelische Haltung zu definieren, geraten dadurch aber nur wieder in eine neue Abhängigkeit gegenüber ihren Mitstreitern. Die beiden Söhne des Hauses haben im Ausland zu sich selbst gefunden; einer von ihnen hat dafür wegen der Heirat mit einer russischen Jüdin mit dem Verstoß durch den Vater zahlen müssen. Die Frauen erscheinen eindeutig kompromißloser – und auch erfolgreicher – in ihrem Streben nach Selbstbestimmung. Monas ältere Schwester Amal ist im Begriff, gegen die Einengung ihres konservativen Mannes aufzubegehren. Daß sie auch ihre Töchter zum Ausbruch ermuntert, ist einer der optimistischen Momente, die zwar zaghaft, aber doch voller Überzeugung auf den kommenden Zerfall immerhin einiger Grenzen weisen. Die Mutter und die Braut selbst nehmen nur vordergründig die passivsten Rollen von allen ein. Während Mona die meiste Zeit unbewegt zwischen den um sie herum agierenden Verwandten sitzt und in eine ihr von außen zugewiesene Zukunft blickt, besiegelt sie ihr Schicksal am Ende dann doch aus eigener Kraft. Und auch die Mutter widersetzt sich in kleinen Gesten dem Diktat des Patriarchats und der Dorfältesten.

Trotz aller Probleme und Konflikte, die ein solch umfangreiches Personal aufwirft, ist Die syrische Braut weder zu einer plakativen Aneinanderreihung einzelner Episoden noch zu einem hysterischen Dialogdrama verkommen. Die bis in die kleinste Nebenrolle großartig besetzten Schauspieler nutzen den Raum, der ihnen zur Entfaltung nicht nur einer Rolle, sondern eines echten Charakters zur Verfügung steht. Mit Blicken und Mimik dürfen sie mehr erzählen als endlose sprachliche Ausschweifungen hätten leisten können. Der Film beginnt und endet mit einer Einstellung von Amals Gesicht – allein diese beiden Bilder spiegeln die gesamte emotionale Bandbreite eines Menschen wider, der den Weg in die Freiheit angetreten hat. 1970-01-01 01:00

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