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Jesus Christus Erlöser

D 2008. R,S: Peter Geyer. S: Michael Dreher, Konrad Bohley. M: Florian Käppler, Daniel Requardt. P: Klaus Kinski Productions.
84 Min. Salzgeber ab 15.5.08

Gesucht wird Jesus Christus

Von Mark Stöhr In dem Dokumentarfilm Jesus Christus Erlöser prallen zwei totalitäre Systeme aufeinander: Der Künstleregomane Klaus Kinski und die linke Gegenöffentlichkeit der 1970er Jahre. Das einzigartige Dokument eines großen Mißverständnisses.

Gut zwanzig Jahre später schreibt Klaus Kinski in seiner Autobiographie »Ich brauche Liebe«: »Das ist ja wie vor 2000 Jahren. Dieses Gesindel ist noch beschissener als die Pharisäer. Die haben Jesus wenigstens ausreden lassen, bevor sie ihn angenagelt haben.« Es ist ein zweifaches Scheitern, das in der Berliner Deutschlandhalle am 20. November 1971 stattfand. Kinski wollte die »erregendste Geschichte der Menschheit: das Leben von Jesus Christus« erzählen, als einem der »furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen, der sich lieber massakrieren läßt, als lebendig mit den anderen zu verfaulen« – und inszenierte sich als demagogischer Bühnenprophet. Das Publikum mißtraute zu jener Zeit jeglicher Autorität, auch der künstlerischen, und wollte mitdiskutieren, wo es nur zuzuhören galt. Die Situation explodiert schon nach wenigen Minuten. Kinski, ganz allein im Lichtkegel auf einer sonst leeren Bühne, rezitiert seinen Text mit leisen, vor Intensität knirschenden Worten. Der Beginn eines Steckbriefes: Gesucht wird Jesus Christus. Die ersten höhnischen Zwischenrufe werden laut: Der will Christus sein, der hat doch zig Filmmillionen auf dem Konto. Kinski geht auf die Provokationen ein, maßregelt die Störer, erntet neue Häme, beginnt zu wüten und verläßt zum ersten Mal die Bühne.

Hier kam zusammen, was nicht zusammengehörte. Klaus Kinski war der exzentrische Star aus zahllosen Edgar Wallace-Verfilmungen und Italo-Western und hatte sein schnell verdientes Vermögen in Luxuslimousinen, Dienstpersonal und Partys investiert. Die italienische Filmkrise und ein nicht unbeträchtlicher Schuldenberg zwangen ihn 1971 zur Rückkehr nach Deutschland. Nach der »Jesus Christus Erlöser«-Tournee, einem lang ersehnten Projekt Kinskis, wollte er mit Werner Herzog Aguirre – Der Zorn Gottes drehen. Es war die Zeit der Hippiebewegung. Der Großteil der 3.000 bis 5.000 Zuschauer bei der Premiere in Berlin bestand aus engagierten Bartträgern, APO-Aktivisten und einigen religiösen Eiferern, die in dem 34jährigen eine willkommene Zielscheibe ihrer ideologischen Verbissenheit fanden und nichts anderes wollten, als ihn bluten zu sehen. Kinski gelang es nicht, den Angriffen mit Souveränität zu begegnen, sondern er verschmolz mehr und mehr mit seiner Bühnenfigur und wurde mit seiner ganzen Theatralik zu dem, den er darstellen wollte: dem Gekreuzigten.

Gesucht wird Jesus Christus. Kinski kehrt zurück und beginnt seinen Monolog von vorne. Die Diffamierungen nehmen an Schärfe zu. Faschist. Arschloch. Kinski ist nun ganz auf seinem persönlichen Kreuzweg und hebt an zu einem verbalen Amoklauf ohne Beispiel. »Wehe Euch«, schreit er mehrmals mit erhobenem Zeigefinger aus. Und: »Wäret Ihr doch heiß oder wenigstens kalt, aber Ihr seid nur lauwarm, und ich spucke Euch aus.« Der Schauspieler ist der Evangelist, der von Jesus als unerschrockenem und zu allem bereitem Revolutionär künden will und sieht sich voller Verachtung umgeben von kleingeistigen Blümchen- und Beton-Rebellen. Wieder geht er ab.

Dieser denkwürdige Auftritt existierte bislang lediglich als Audiomitschnitt. Es waren jedoch vier Kameras im Saal, deren Material seither im Keller von Kinskis dritter Frau Minhoi in Kalifornien lag. Peter Geyer, der den Kinski-Nachlaß verwaltet, editierte es und brachte es in eine dramaturgisch und atmosphärisch geschlossene Form. Ein Abend mit Klaus Kinski, dessen Chronologie beibehalten und der von einigen Schrifttafeln mit Zitaten aus Kinskis Biographie skandiert wird. Der Epilog der Bühnenpredigt ist auch der Epilog des Films. Die Andacht nach dem Abspann: Nachdem sich die Halle bis auf eine Hundertschaft von Besuchern geleert hat, tritt Kinski in ihre Mitte. Mit brüchiger Stimme spricht er seinen Monolog. Keine Zwischenrufe mehr, nur noch gebannte Aufmerksamkeit. Der Künstler und sein Publikum. »Meine Erschöpfung ist wie weggeweht«, schreibt er zwanzig Jahre später. »Ich fühle meinen Körper nicht mehr. Um zwei Uhr früh ist alles zu Ende.« 2008-05-09 11:25

Abdruck

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