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Liverpool

RA 2008. R,B,S: Lisandro Alonso. B: Salvador Roselli. K: Lucio Bonelli. S: Sergi Dies, Fernando Epstein, Mainoli. M: Flor Maleva. P: 4L, Black Forest, CMV Films, Eddie Saeta S.A., Slot Machine. D: Nieves Cabrera, Giselle Irrazabal, Juan Fernández.
84 Min. Arsenal Institut ab 15.4.10

Bilder in natura

Von Arezou Khoschnam Ein Containerschiff, ein Hafen, ein Reisender und immer wieder Einöde. Genauso unprätentiös wie in dieser Aufzählung präsentiert der argentinische Regisseur Lisandro Alonso seinen neuen Film Liverpool, der über weite Strecken ganz auf Worte verzichtet. Einzig und allein ein Kommentar füttert den neugierigen Zuschauer mit einer klaren inhaltlichen Information: Der Matrose Farrel geht nach vielen Jahren der Abwesenheit zurück in sein Heimatdorf, um seine Mutter zu suchen. Die Suche führt ihn von LKW-Ladeflächen in Kantinen und immer wieder in schneebedeckte Landschaften. Sein Weg zieht sich durch das jeweilige Bild und durch die Zeit. Es sind meist totale Einstellungen, die einander erst dann ablösen, wenn Farrels Fußspuren sich schon lange im Schneeweiß verloren haben oder wenn die wenigen menschlichen Geräusche in den kargen Räumen ausgeklungen sind. Die Kamera nimmt das auf, was sie vorfindet: Leben, so wie es ist, ohne Zusatz. So laufen ganze Sequenzen in Echtzeit über die Leinwand und es entsteht eine Atmosphäre, für die die Beschreibung »dokumentarische Nähe« weit untertrieben wäre.

Regisseur Alonso mutet seinem Publikum – das sicherlich vorwiegend auf Festivals anzutreffen ist – einiges zu. Für den Liverpool-Zuschauer sind Neugier auf anderes Kino und die gleichzeitige Bereitschaft, sich darauf einzulassen, unerläßlich. Alonso reizt die Möglichkeiten des minimalistischen Kinos fast bis zum Äußersten aus. Das strengt den Mainstream-Liebhaber unter den Zuschauern nicht nur an, sondern fordert ihn auch heraus. Ein implizit emotionales Vorhaben wird mit nüchternen Bildern erzählt. So wird schnell deutlich, es sind nicht die Geschichte und ihre Figuren, um die sich der Film dreht. Sie dienen lediglich als Vorwand. Die Inszenierung rückt die Orte in den Mittelpunkt, an denen die Geschichte stattfindet, wo sie mehr bebildert denn erzählt wird. Schauplatz ist Feuerland: In der Stadt Ushuaia, der südlichsten in Argentinien, läßt der Regisseur Laiendarsteller agieren.

Die Einstellungen sind nicht beliebig, sondern bewußt ausgewählt. Sie sind jedoch beliebig in Hinblick auf die Geschichte, die ihnen auferlegt wurde. Die Bilder hätten ebenso gut jede andere Geschichte erzählen können (wäre nicht der obengenannte Hinweis relativ zu Beginn des Films). Sie dienen nicht als visuelles Äquivalent zum Inhalt, sie stehen für sich selbst. So entstehen zu der Bilderreihe auf der Leinwand diverse narrative Ansätze im Kopf des Zuschauers, die sich mehr durch Fragen formulieren denn durch Feststellungen. Die Ungewißheit ist ein wesentlicher Bestandteil der Regie, sodaß die Suche nach Antworten sich notgedrungen zu einem vergeblichen Unterfangen entwickeln muß.

Belohnt wird der ausdauernde Kinozuschauer mit der Erkenntnis, daß Bilder ihre eigene Sprache sprechen, die ohne Worte auskommt. Weitestgehend auf das Visuelle reduziert, wendet sich der Film von der Erzähltradition des Kinos ab und gibt dem zeitgenössischen Kino ein neues Gesicht. 2010-04-08 12:06

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