— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Mein Vater. Mein Onkel.

D 2009. R,B: Christoph Heller. K: Manuel Kinzer. S: Sophia Kambaki. M: Christof Vonderau. P: Bonsai Dream Factory, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin.
80 Min. Moviemento ab 13.5.10

Auf der anderen Seite

Von Martin Wertenbruch Adoption ist ein emotionales Thema. Allein in der schlichten Aufstellung – eine Frau gibt ihr Kind zur Adoption frei und eine andere Frau adoptiert es – stecken emotionale Begriffe wie Schmerz, Sehnsucht, Freude, Liebe, Schuld und Vergebung. Zudem tauchen Konzepte von Familie, Identität und (kultureller) Zugehörigkeit auf.

So vielfältig Adoptionsgeschichten sind, so unterschiedlich sind auch Filme zum Thema. Im fiktionalen Film denkt man z.B. an den Spielfilm Holy Lola (R: Bertrand Tavernier, 2004), in dem ein französisches Ehepaar in Kambodscha verzweifelt nach einer Adoptionsmöglichkeit sucht. Tavernier verknüpft die Sehnsüchte und Ängste des Paares mit kulturellen Aspekten eines durch den Genozid traumatisierten Landes, in dem Adoption durch das Problem des Menschenhandels als besonders kritisch angesehen wird. Die exotische Fremde wird zur Projektionsfläche der inneren Strukturen. Die Protagonisten werden im Kampf um das Kind auf sich selbst zurück geworfen. Hierbei ermöglicht das fiktionale Format, die Handlungsmotivationen der Akteure zu planen und zu gestalten.

Anders verhält es sich beim dokumentarischen Zugang, bei dem letztlich die Emotionalität der Protagonisten Duktus und Stimmung des Films prägt. Und diese Emotionalität ist nicht selten konfliktgeladen. Auf der einen Seite im Rahmen der ›neuen‹ Familie und/oder auf der anderen Seite in der Auseinandersetzung mit den biologischen Eltern. Um hier nur zwei Beispiele zu nennen, begibt sich Sophie Bredier in Separée (R: Sophie Bredier, Myriam Aziza, 2000) nach Südkorea, um ihre leiblichen Eltern aufzuspüren und um zu verstehen, welche Umstände zur Adoptionsfreigabe geführt haben. Eine für sie schmerzhafte Erfahrung, bei der sie zwar viel über die (Teilungs-)Geschichte ihres Herkunftslands lernt, aber letztlich wenig über ihre eigene Biographie vor der Adoption.

In Adopted (R: Barb Lee, 2008) wiederum wird eine Frau gezeigt, die ihre Beziehung zur Aufnahmefamilie auf den Prüfstand stellt, als die Adoptivmutter tödlich erkrankt. Sie versucht nach vielen Jahren, ihr Verhältnis zu ihrer Adoptivfamilie zu klären oder zumindest zu verstehen, was ihr all die Jahre unklar geblieben war.

In Mein Vater. Mein Onkel. sind die Dinge anders gelagert. Regisseur Christoph Heller hat hier mit Sinan Al Kuri einen Protagonisten gefunden, der sich nie explizit auf die Suche nach seinen leiblichen Eltern gemacht, sondern den die irakische Herkunftsfamilie über mehrere Jahre ihrerseits gesucht hat. Damit ändert sich die Ausgangslage für eine Adoptions-Dokumentation, bei der neben dem Regisseur auch Sinan zum Filmschaffenden wird. Ersterer nimmt sich derart zurück, daß alle Augen auf dem Protagonisten liegen. Und der ist mächtig nervös, denn schließlich wird er seine fremde Familie besuchen, die er bislang noch nicht kannte. Der in Berlin lebende Sinan wirkt offen und authentisch bei seinen ersten Kontaktaufnahmen zur inzwischen in Dubai lebenden Herkunftsfamilie. Dabei offenbart er unter anderem, daß er eine turbulente Jugend hatte, was Heller auf schöne Weise durch Begegnungen mit Dritten inszeniert. Hierzu zählt auch die Adoptivmutter Bruni, die ihre Perspektive der Adoption erzählt und in einer kleinen Anekdote erahnen läßt, welche Wogen der Weggang aus dem Irak bei dem Jungen damals verursacht hat.

In Dubai angekommen wird der verlorene Sohn stürmisch willkommen geheißen und lernt im Schnelldurchlauf die erweiterte Familie und deren Lebenswelt kennen. Während er sich offen und relativ unvoreingenommen an seine Herkunftsfamilie herantastet, wird er von allen Seiten auf den Prüfstand gestellt. In Gruppensituationen und Einzelgesprächen erläutert die Familie herzlich aber bestimmt ihre Vorstellungen vom ›westlichen Leben‹ und wo sie Sinan darin verortet. Aber vor allem hat man große Pläne für ihn: am liebsten soll er zum Islam konvertieren, arabisch lernen und bei ihnen bleiben.

Die besondere Ausgangslage dieser Adoptionsgeschichte weiß Heller dramaturgisch zu nutzen. Obwohl Sinan ›nur‹ mit Neugierde im Gepäck nach Dubai reist, reicht der Spannungsbogen von der ersten Email bis zur Umarmung durch die leibliche Mutter. In Dubai dann übernimmt die Familie des Protagonisten die Führung, der die Kamera behutsam folgt.

Konflikte treten in dieser Adoptionsgeschichte auf mindestens drei Ebenen zutage: in den Kindheits- und Jugendtagen des Protagonisten, zwischen Herkunftseltern und Adoptivmutter sowie in den gegenwärtigen unterschiedlichen Lebenswelten von Sinan und dem irakischen Teil seiner Familie. Anders als in oben genannten Filmen sind sie aber nicht die Auslöser für die Entstehung des Films, sondern Bestandteile von Sinans Leben, der ihnen offen begegnet und anschließend seine Schlüsse zieht. Dazu gehört, wie im Abspann zu lesen ist, daß er nach einem weiteren Besuch erst einmal wieder auf Abstand gegangen ist – Abstand von der ›anderen Seite‹ seiner Biographie. 2010-05-10 15:39
© 2012, Schnitt Online

Sitemap