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Lola

F/RP 2009. R: Brillante Mendoza. B: Linda Casimiro. K: Odyssey Flores. S: Kats Serraon. M: Teresa Barrozo. P: Swift Productions, Centerstage Productions. D: Anita Linda, Rustica Carpio, Camille Solari, Tanya Gomez, Jhong Hilario, Ketchup Eusebio, Benjie Filomeno u.a.
110 Min. Rapid Eye Movies ab 15.7.10

Lola rennt

Von Martin Wertenbruch Eine zierliche alte Frau kauft eine schlichte weiße Kerze an einem Straßenstand in Manila. Glockengeläut zeigt die unmittelbare Nähe einer christlichen Gebetsstätte an. Die Kamera verfolgt die Handbewegungen im Detail, die Spuren des Alters sind in die mageren Handgelenke eingeschrieben. Nun wendet sich die Frau zum Gehen. An ihrer Seite ein kleiner Junge. Mal schiebt sie ihn, dann stützt er sie. Das Alter bestimmt das Tempo und den Duktus der Bewegung, eine Art ungelenke Motorik, arthritisch, wie sich später herausstellen wird. Und dennoch ist da nichts Behäbiges, eher eine Art verhinderte Flinkheit. Die Kamera spiegelt diesen Rhythmus, zeichnet nach, was erzählt wird.

Das ungleiche Paar betritt kurz den Kirchenraum, hält mit Blick auf den Altar inne und setzt dann seinen Weg fort, hin zu einem zugigen grauen Treppenaufgang. Der Himmel ist mit Regenwolken verhangen. Ein böiger Wind macht der Frau zu schaffen, die sich abmüht, ihren Schirm zu halten und zugleich die Kerze mit einem Streichholz zu entzünden. Viereinhalb beobachtende Minuten Filmzeit verstreichen, bis zum ersten Mal gesprochen wird.

Der Onkel des Jungen ist an dieser Stelle erstochen worden. Die alte Frau setzt die Kerze ab, und dann geht es auch schon weiter, die Treppe hinauf, in ein Sammeltaxi, zum Bestatter und anschließend zur Polizei. Schnell wird deutlich, daß Geld hier eine große Rolle spielt, da zu wenig davon zur Verfügung steht. Die alte Frau macht sich auf den mühsamen Weg, die Bestattungskosten zusammenzutragen. Und immer dabei ist der kleine Junge, der sie zwar »Lola« nennt, philippinisch für »Großmutter«, aber dem Alter nach ihr Urenkel sein muß.

Eine weitere »Lola« wird eingeführt, ihr Enkel hat die Tat begangen. Wie die andere stammt auch sie aus ärmlichen Verhältnissen. Den ganzen Tag verkauft sie mit ihrem Enkel Gemüse von einem Handkarren aus auf der Straße. Das ist illegal, und es dauert nicht lange, bis die Polizei den Wagen zerstört. In der bescheidenen Behausung liegt ein pflegebedürftiger Sohn im Bett, um den sie sich abends kümmert. Und nun sitzt auch noch der andere Enkel im Gefängnis, den sie mit Essen versorgt, während sie nicht nur die Gegenseite zum Einlenken überreden möchte, sondern auch noch genügend Geld auftreiben muß, damit er freigekauft werden kann.

Beide »Lolas« sind von Alter und gesundheitlichen Einbußen gezeichnet. Die
Gelenke schmerzen, sie können nicht so schnell, wie sie eigentlich wollen. Zugleich teilen sie eine große Energie in der Umsetzung ihrer Ziele. Sie rackern sich ab für ihre Kinder und Kindeskinder. Sie machen sich buchstäblich krumm für ihre Familien. Es wirkt, als bestünde für sie kein Zweifel an der Notwendigkeit ihres Handelns. Dabei scheint kein Platz zu sein für Trauer und Einkehr, für Emotionen. Das mag kulturell verinnerlicht sein, aber vielleicht auch an der existentiellen Dringlichkeit ihrer Situationen liegen.

Der philippinische Regisseur Brillante Mendoza, der für den vor roher Gewalt strotzenden Film Kinatay letztes Jahr in Cannes ausgezeichnet wurde, hat mit Lola eine leise, dichte Erzählung über die Bedeutung von Familie und insbesondere der Alten innerhalb der Familie geschaffen. Leise, weil für europäische Augen wenig große Gesten, »große Gefühle« gezeigt werden. Was nicht bedeutet, daß sie nicht empfunden werden. Aber sie werden nicht zur Schau gestellt.

Die Dichte in seiner Erzählung manifestiert sich zum einen in den Konstanten, den wiederholten Abläufen, die dem Zuschauer binnen rund anderthalb Stunden zwei familiäre Mikrokosmen näherbringen. Zum anderen in den Details, wie den Geldscheinen, die in ein Stofftaschentuch eingefaltet oder in den Speisen aus der Garküche, die in einer kleinen Plastiktüte nach Hause transportiert werden. Diese Dichte wird verstärkt durch eine beobachtende Handkamera, die sich in den kleinen Gassen und Wasserstraßen, in den Sammeltaxen und wackeligen Ruderbooten der ärmeren Viertel Manilas bestens auskennt. Passend zum Plot hat Mendoza für den Dreh die Regenzeit gewählt. Daraus ergibt sich ein geringes Farbspektrum, das sich im Wesentlichen zwischen Grau und Blau bewegt. So können die beiden unermüdlichen Lolas niemals ein Happy End erreichen. Sehr wohl aber einen großen Etappensieg. 2010-07-14 16:56

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