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Jaffa – The Orange's Clockwork

IL/D/F/B 2009. R,B: Eyal Sivan. K: David Zarif, Rémi Lainé, Shafir Sarousi, Vincent Fooy. P: Trabelsi Productions, Alma Films.
88 Min. Mec Film ab 14.10.10

Manna Manna

Von Carsten Tritt Anhand der Geschichte der Jaffa-Orange schildert die Dokumentation eine Geschichte medialer Manipulation, beginnend bereits im 19. Jahrhundert: Der blühende arabische Handel mit den Zitrusfrüchten entspricht schon dort nicht den politischen Klischees des christlichen Europas, nach denen die Araber das fruchtbare heilige Land haben verkommen lassen. Später wird die Orange Bestandteil des israelischen Gründungsmythos', obwohl, so schildert Jaffa – The Orange's Clockwork, viele jüdische Siedler dank ihrer arabischen Nachbarn überhaupt erst gelernt haben, ihre Plantagen wirtschaftlich zu betreiben, und obwohl der Industriezweig nur dadurch für den israelischen Staat erschlossen wurde, daß die arabische Bevölkerung der Anbaugegend um Jaffa vertrieben wurde.

Sivans Film ist vor allem dann stark, wenn er selbst Bilder dekonstruieren muß, wenn er beispielsweise im Vergleich europäischer und palästinensischer Fotographien christlich gesteuerte Vorstellungen über ein vermeintlich verödetes Land im 19. Jahrhundert widerlegt; ebenso, wenn er im sowjetischen Stil gehaltene israelische Propagandafilme als Blödsinn entlarvt, die inszenieren wollen, wie Kibbuz-Mädels mit der Statur von Büroangestellten unbeholfen eine Orange vom Baum abschneiden. Weniger überzeugend ist er, wenn er sich auf seine Interviews mit Zeitzeugen oder Wissenschaftlern verläßt: Die Aussagen dieser seiner Fürsprecher unterlegt Sivan nicht hinreichend mit Fakten, um sie wirklich objektiv oder repräsentativ erscheinen zu lassen. Ebenso greift Sivan selbst darauf zurück, den recht einseitig propalästinensischen Grundton seines Films durch emotionale Aufladung zu untermauern, am Schluß des Films sogar mit einer dramaturgisch ungeschickten Dopplung: Der Abspann ist hinterlegt mit einer Fahrt entlang einer von Drahtzaun umsperrten Orangenplantage, was eine etwas holprige Continuity darstellt, denn unmittelbar davor endet der eigentliche Film mit den Bildern brauner, verdörrter israelischer Plantagen, verbunden mit der Aussage, wer das Land so verkommen lasse, wolle es allenfalls besitzen und verwalten, aber er liebe das Land nicht. Zumindest dieser Vorwurf erscheint doch ein wenig weit hergeholt, denn der Wandel von der Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft ist kaum die Erfindung der israelischen Regierung. Dennoch ist mir dieser Film nicht unsympathisch: Auch wenn seine eigenen Bilder nicht immer stimmig sind, so fordert er wenigstens zum Hinterfragen von Bildern auf. Dem Zuschauer eigenständiges Denken abzuverlangen ist ja grundsätzlich keine falsche Idee. 2010-10-11 17:39

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.
© 2012, Schnitt Online

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