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Nichts ist besser als gar nichts

D 2010. R,B: Jan Peters. K: Marcus Winterbauer. S: Sandra Trostel, Nina von Guttenberg. M: Pit Przygodda. P: Filmtank Hamburg.
89 Min. Aries Images ab 4.11.10
Jan Peters als Wallraff des Dokumentarfilms

Das System Selbstversuch

Von Mark Stöhr Jan Peters begibt sich in seinem neuen Film Nichts ist besser als gar nichts in den Untergrund der deutschen Arbeitsgesellschaft. Wie immer in der Hauptrolle: Peters selbst. Doch seine Methode überschreitet diesmal die Grenzen der Inszenierung.

Der Aufschwung ist da. Alle Welt redet davon. Deutschland Wirtschaftswunderland, heißt es. Über drei Prozent Wachstum, unter drei Millionen Arbeitslose zum Jahresende. Bei 1,7 Millionen Arbeitslosen spricht man von Vollbeschäftigung. Ungefähr so vielen Menschen also wie Hamburg Einwohner hat. Und auch aus Hamburg kommt ein Filmemacher, der nicht so recht auf die Party passen will. Wie ein griesgrämiger Gast, der allein in der Ecke steht. Ein Saboteur vielleicht sogar, der dem Feiervolk heimlich ins Glas spuckt. Der Gast heißt Jan Peters, eigentlich nicht als Kind von Traurigkeit bekannt, schon gar nicht als schweigsam.

In den meisten seiner bisherigen Filme redete er ohne Unterlaß, in einer Geschwindigkeit zudem, die – wie er selbst sagt – »oft die Schallmauer meiner Gedanken durchbricht«. Es ist ein wuchernder Diskurs- und Reflexionsteppich, der sich über die Langfilme November, 1-30 (1998) und Dezember, 1-31 (1999) oder den Kurzfilmzyklus Aber den Sinn des Lebens hab' ich immer noch nicht herausgefunden (1990-2006) legte. Im Mittelpunkt: Peters selbst, sein Leben, sein Arbeiten, sein Blick auf die Welt. Seine Monologe wirken wie spontane Eruptionen, was sie am Anfang vielleicht auch waren. Die Technik scheint rasch herangezerrt, altes, fehleranfälliges Gerät, ausgestattet mit unterschiedlichsten Materialien, als sei keine Zeit für Arrangements. Doch hinter der vermeintlichen Improvisation steckte immer Methode, eine Dramaturgie des Zufalls, die ihr Ziel ziemlich genau kannte.

Auch Peters' neuer Film, Nichts ist besser als gar nichts, funktioniert nach dem System Selbstversuch. Anfang November kommt er ins Kino. Es ist ein Film aus der Wirtschaftskrise, nicht über den Aufschwung, was zum Problem für die Auswertung werden könnte. Den Leuten ist momentan mehr nach einem vorsichtigen Schluck Sekt zumute. Doch Nichts ist besser als gar nichts paßt nur auf den ersten Blick nicht in die Zeit. Denn er handelt von Menschen, bei denen der Aufschwung höchstwahrscheinlich sowieso nicht ankommt. Sie leben in prekären Arbeitsverhältnissen oder sind arbeitslos, ihr Zuhause ist der zweite, dritte oder vierte Arbeitsmarkt oder die Straße. Sind das die 1,7 Millionen, die für die Vollbeschäftigung nicht gebraucht werden?

Mittendrin ist wie immer Jan Peters selbst. In dem Kurzfilm Wie ich ein freier Reisebegleiter wurde (2007) machte er ein Praktikum bei einem Frührentner, der sich ein paar Euro dazuverdiente, indem er U-Bahn-Fahrgästen anbot, auf seinem Gruppenticket mitzufahren. Eine Geschäftsidee, die aus der puren Not geboren worden war. Aus dem Praktikanten Peters ist nun selbst ein Unternehmer im Begleitungsbusiness geworden. Im Frankfurter Untergrund macht er sich am Ticketautomaten auf die Suche nach Mitfahrern. Es beginnt eine Reise durch den Untergrund der deutschen Arbeitsgesellschaft. Er trifft eine Tagesmutter, die frustriert ist über ihre Dumping-Bezahlung und im bedingungslosen Grundeinkommen die Lösung sieht; brotlose Künstler und Ein-Euro-Jobber, die auf dem Dach eines Museums zusammen mehrere Bienenstöcke betreiben und damit 40 Kilo Honig pro Ernte produzieren; einen Straßenverkäufer, der die gute Seele der vielen Ausgegrenzten in den U-Bahnschächten ist; und einen Unternehmensberater, der Peters Ratschläge für die Professionalisierung seines Geschäftsmodells gibt.

Das Personal in Nichts ist besser als gar nichts ist gut, der Personalleiter ist es leider nicht. Jan Peters wirkt seltsam zahnlos und ohne Zug. Er ist eingezwängt in ein unglaubwürdiges erzählerisches Konstrukt: Die Freundin hat versehentlich seine Brieftasche mit in den Flieger Richtung Amazonas genommen, er bleibt zurück mit einem Gruppenticket und muß nun schauen, wie er klarkommt. Eine sehr verunglückte Versuchsanordnung angesichts der anderen Protagonisten, die keine Produktionsförderung im Rücken haben und wirklich jeden Cent umdrehen müssen. Zudem sind Peters' ansonsten anarchische Monologe eingelassen in einen zahmen Sprechertext. In Nichts ist besser als gar nichts ist vieles Ziel und wenig Zufall. Und dann kommt auch noch der Aufschwung. 2010-11-04 14:00

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