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Metropolis

D 1927-2010. R,S: Fritz Lang. B: Thea von Harbou. K: Karl Freund, Günther Rittau, Walter Ruttmann. M: Gottfried Huppertz, Bernd Schultheis, Benjamin Speed. P: UFA. D: Alfred Abel, Gustav Fröhlich, Rudolf Klein-Rogge, Fritz Rasp, Theodor Loos, Erwin Biswanger, Heinrich George, Brigitte Helm u.a.
152 Min. Warner ab 12.5.11

Zurück in die Zukunft

Von Asokan Nirmalarajah Die amerikanische Kritikerpäpstin Pauline Kael war bekannt dafür, daß sie sich einen Film kein zweites Mal ansah. Die kleine Frau mit dem scharfen Intellekt verteidigte ihre eigenwillige Einstellung damit, daß sie nie das Gefühl gehabt habe, einen Film nicht schon bei der ersten Sichtung verstanden zu haben. Jedes weitere Mal würde sie doch bloß langweilen. Was Kael zu Lebzeiten nicht berücksichtigte und was Kulturwissenschaftler nicht müde werden herauszustellen, ist das Faktum, daß die Sinnproduktion eines Films nicht nur von den zeitgenössischen Kontexten seiner Entstehung, sondern auch von denen seiner Rezeption abhängig ist. Auch der künstlerische Wert eines Films kann je nach kulturhistorischem Kontext niedriger oder höher bewertet werden, der Unterhaltungswert mag ab- oder gar zunehmen, je nachdem, welche neuen Facetten der Zuschauer dem Werk beim nochmaligen Schauen entlocken kann. Fritz Langs Science-Fiction-Klassiker Metropolis, dem bei seiner Premiere 1927 sowohl die Kritik als auch das Publikum die kalte Schulter zeigten, gilt nicht zuletzt aufgrund mehrerer solcher Neueinschätzungen in späteren Jahren als eines der bedeutendsten, weil einflußreichsten Werke der Filmgeschichte.

Wie nicht wenige spätere Filmklassiker war Langs Film, eine mythologisch überladene, sentimental verkitschte Parabel über die Folgen der Industrialisierung und Urbanisierung, vielleicht, wie man doch so schön sagt, seiner Zeit voraus. Zumindest reicht die Wirkmacht des angeblich teuersten Stummfilms, der damals die produzierende UFA fast in den finanziellen Ruin stürzte, in die hintersten Ecken nicht nur des Horror- und Science-Fiction-Genres (von Frankenstein bis Blade Runner und darüber hinaus), sondern auch des modernen Blockbusters (von Batman über Titanic bis hin zur Matrix-Reihe). Dabei haben nur wenige der begeisterten Anhänger des Films ihn bislang in der kompletten Premierenfassung gesehen. Zu lang, verworren und tragisch für Cineasten ist die Geschichte der Kürzungen, die der Film über die Jahre erleiden mußte, weil er noch sträflich unterschätzt wurde. Am nächsten kam man noch mit der digital restaurierten Fassung von 2002 zum 75jährigen Jubiläum von Metropolis durch die F.W.-Murnau-Stiftung, eine eindrucksvolle Leistung, die den hypnotischen Bildern des Films zu faszinierendem neuen Glanz und einer aufregenden Vitalität verhalf. Doch ein großer Teil des Originals blieb verschollen.

Zwar konnte man durch Standbilder und eingefügte Texttafeln auf die fehlenden Szenen verweisen, doch Metropolis blieb Fragment. Dann kam es Mitte 2008 zu dem nunmehr ausgiebig rekapitulierten Fund einer 16mm-Kopie einer längeren Auslandsfassung des Films im Archiv eines Filmmuseums in Buenos Aires – eine Sensation in der Filmwelt, die regelmäßig über die nicht mehr vorhandenen Director’s Cuts von Erich von Stroheims Gier (1924) und Orson Welles’ Der Glanz des Hauses Amberson (1942) eine Träne verdrückt. Mit fast 25 Minuten mehr Laufzeit kommt nun die 2002er-Fassung von Metropolis nach der Restauration des zusätzlichen Materials und einer feierlichen Wiederaufführung auf der letztjährigen Berlinale erneut in die deutschen Kinos. Das Ergebnis bleibt weiterhin ein filmisches Fragment und unterscheidet sich von der letzten Fassung nur insofern, als einzelne Szenen um ein paar Einstellungen länger geworden sind und ein weiterer Handlungsstrang hinzukommt, in dem der Schmale im Auftrag Joh Fredersens, des Herrschers von Metropolis, dessen rebellischen Sohn Freder und revolutionsgestimmte Individuen der Arbeiterwelt beschattet. Alles Szenen, die den Film nicht besser, nur etwas langatmiger machen.

Metropolis bleibt auch beim erneuten Schauen ein Faszinosum, aufwendig produziert und voll spektakulärer Bilder, ästhetisch aufregend, inszenatorisch mitreißend und regelrecht sprudelnd vor wilder Imagination und irrsinniger Ambition. Einige der Kritikpunkte, die sich der Film bereits bei der Uraufführung gefallen lassen mußte, greifen sicherlich immer noch. So ist das ausladende Skript von Langs damaliger Frau Thea von Harbouch immer noch ziemlich unsinnig, überfrachtet mit hysterischen Figuren, wirren Handlungssträngen und albernen Dialogen – wie eine heutige Fernsehsoap mit mythischem Überbau. Lang aber sucht diese Melodramatik des Stoffes nicht zu unterbinden, sondern feuert sie noch an, indem er von der erhabenen expressionistischen Kamerakunst des Anfangs im letzten Teil des Films, der seinem Titel »Furioso« mehr als gerecht wird, in ein bildgewaltiges Weltuntergangsspektakel wechselt, in dem es zur Kollision aller Figuren inmitten immer größerer Menschenmassen kommt. Das hat alles nichts von seiner Kraft verloren und ist auf der großen Leinwand nur noch beeindruckender. Metropolis bleibt als ein monumentales Kinoevent mit Anspruch somit Pflichtprogramm, ein »zeitloses Zeitdokument«. 2011-05-06 12:21
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