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Into the Wild

USA 2007. R,B: Sean Penn. K: Eric Gautier. S: Jay Cassidy. M: Michael Brook, Eddie Vedder u.a. P: Paramount Vantage, River Road Films. D: Emile Hirsch, Catherine Keener, Vince Vaughn, William Hurt u.a.
148 Min. Tobis ab 31.1.08

Ein Lebensfilm

Von Martin Thomson Nach Querelen über den Fortbestand oder den Beginn einer Liebesbeziehung enden die meisten Filme so, daß sich einer der zuvor noch Zweifelnden auf den Weg zum Inbegriff seiner Sehnsucht macht, um all jene Differenzen nach einem Lauf durch die Großstadt oder einer spontan angetretenen Flugreise in einem Kuß oder einem Geständnis seiner Gefühle aufzulösen, die eine Vereinigung über die vorherige Laufzeit unmöglich erscheinen ließen. In der vierten Regiearbeit von Sean Penn wird dem Zuschauer diese kathartische Schlußsequenz verwehrt, denn die erlösende Erkenntnis, daß nur glücklich werden kann, der sein Glück mit anderen Menschen teilt, kommt der Hauptfigur zu einem Zeitpunkt, in der es ihr unmöglich ist, sie einzulösen. Sein Film ist kein klassischer Liebesfilm, es ist ein Film über die Liebe selbst, eine universelle Tragödie über ihr endloses Maß an Möglichkeit und ihr totales Scheitern gleichermaßen. Der Erlebnisbericht von Christopher McCandless, der Anfang der 1990er Jahre den geliebten und verhaßten Menschen seiner Lebenswelt den Rücken kehrte, um sich nach Alaska aufzumachen, hat dem Wissenschaftsjournalisten Jon Krakauer vor knapp einem Jahrzehnt ein Millionenerfolg beschert, den Sean Penn nun für die Leinwand adaptiert hat. Mit Erfolg: Dem Oscarpreisträger ist ein Meisterwerk geglückt, wie es an Weisheit und Tiefe nicht zu übertreffen ist.

Den Personen, denen der idealistische McCandless auf seiner Reise begegnet, ist seine traumwandlerische Lebenseinstellung Anlaß, die Freiheit wieder oder erstmals zu begreifen und sie doch an einem festzumachen, der sie nicht aus ihnen, sondern scheinbar ganz aus sich selbst zu nehmen in der Lage ist. Wohlgemerkt nur scheinbar, denn die Figuren, die ihn so hingebungsvoll lieben, füllen genau jene Lücke der Zuneigung, die sein bürgerliches Elternhaus offenstehen ließen. So übersieht McCandless, so beschwert mit einem Kopf voll Träume, daß er in ihnen die Familie gefunden hätte, nach der er sich im Grunde seines Herzens die ganze Zeit über sehnte; sei es die liebevolle Mutter, der altersweise Vater, die leidenschaftliche Freundin oder der rabaukige Bruder. Penn bereitet die wunderlichen Eigenheiten der angerissenen und viel zu kurzzeitigen Beziehungen, die er zu diesen Ersatzmenschen aufbaut, immer wieder hochgradig sensibel auf, um sie in schmerzlichen Abschiedsszenen aufzulösen. Die Freiheit hat ihren Preis, einen, den der Protagonist nicht zu zahlen hat; vorwerfen will es ihm der Zuschauer allerdings nicht, denn dafür gewinnt man diesen unerschütterlichen Träumer, der ganz aus seinen Gefühlen heraus handelt – und sich genau deswegen auch jedes Vorwurfs entzieht – zu lieb.

Die Haltung, die Penn als Regisseur zu seiner Hauptfigur einnimmt, speist sich voll und ganz aus ihrer Lebenshaltung heraus; und doch überläßt er es dem Zuschauer, den Raum, den McCandless immer wieder unaufgeräumt hinter sich läßt, mit einer eigenen Haltung, aber jedes mal mit einem Höchstmaß an Mitgefühl, zu betreten. Es ist auch diese Haltung, welche die elegischen Naturpanoramen, die Kameramann Eric Gautier auf die Leinwand malt, als vollkommen notwendig ausweisen, weil sie – meist noch in meditativ anmutende Zeitlupe gestreckt – McCandless’ Entrückung von Welt und sein Zergehen in vermeintlich unendlicher Schönheit artikulieren. Genau jenes Zergehen ist es nämlich, das der Fatalität seiner Leidenschaft den Weg ebnet; denn unendliche Liebe fordert seinen Tribut, wenn sie sich an den rauhen Mauern der Realität die Finger blutig kratzt – ganz besonders, wenn das Gegenüber die Natur und damit auch immer Spiegel und nicht Empfänger der eigenen Leidenschaften ist. Ein Tribut, den McCandless zum Schluß alles kostet und den Menschen, die er zurückgelassen hat, ein gebrochenes Herz. 2008-01-28 12:02

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