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Water Lilies

Naissance des pieuvres. F 2007. R,B: Céline Sciamma. K: Krystel Fournier. S: Julien Lacheray. P: Balthazar Productions u.a. D: Adele Haenel, Louise Blachère, Pauline Acquart, Warren Jacquin, Serge Brincat u.a.
81 Min. Pro-Fun ab 3.7.08

Phönix aus der Asche

Von Jakob Stählin Wie großartig ist es doch, die Welt mit Kinderaugen zu entdecken, alle Sinneseindrücke aufzusaugen, bis man schier zu platzen scheint. Kleine Gesten, die die Welt bedeuten: unbedacht zwischen Freunden Hilfe schenken und Geborgenheit vermitteln, wie es sonst nur schützende Eltern vermögen; selbstlos und nicht fordernd in dem Gewissen, ohnehin belohnt zu werden. Doch plötzlich – »wieso, weshalb, warum« – schlägt der Fluch des reflektierten Denkens mit unbarmherziger Härte zu.

Céline Sciamma beschreibt in ihrem hochbeeindruckenden Regiedebüt Water Lilies zunächst die schwesterliche Beziehung der beiden etwa 15jährigen Mädchen Marie und Anne, die mitten in der pubertären Phase der Adoleszenz gerade ihre Körper entdecken. Die Wirrungen der Mädchen, inszeniert vor der Kulisse eines Synchronschwimmteams, bieten subtile Einblicke in die jugendliche Gefühlswelt, wenn etwa Marie einem Training als Zuschauerin im Becken beiwohnt und befreit an den sich abrackernden, an der Oberfläche nicht klar zu sehenden Beinen vorbeitaucht. Der Beobachter auf der Tribüne sieht ein in der Gesamtheit schönes Spektakel, pure Körperbeherrschung, doch die zappelnden, strampelnden Mädchen funktionieren nur äußerlich. Schmerzlich nah geht die Kamera heran, laut platschen die choreographierten Bewegungen ins Chlorwasser – die Ästhetik wird gekappt, der Sport seiner Bedeutung entrissen und in ein schmerzliches Porträt aus Disziplin gewandelt. Ohnehin ist Eigenständigkeit und Kontrolle ein großer Faktor im Leben der heranwachsenden Mädchen. Die Nixen des Schwimmvereins bezirzen die lediglich als Gesamtheit beschriebenen Jungs, und Hormone stehen in der Luft; alles in diesem Film pulsiert vor Sehnsucht, Trieb und einem unbewußten Streben nach Geborgenheit. Fasziniert von der schönen, scheinbar sexuell erfahrenen Anführerin des Schwimmteams Florianne driftet Marie weiter weg von Anne und stürzt in blinder Faszination in das vermeintlich reifere Umfeld.

Man lernt nie aus, und die gesellschaftlichen Strukturen hat man am Ende seines Lebens wohl auch nur marginal erfaßt. Da ist es natürlich zwangsläufig schwierig, sich nun auch noch mit seinen Trieben herumzuschlagen. Es geht allerdings nicht um die Urgesetztheit à la »Baum pflanzen, Haus bauen, Kind zeugen«, sondern vielmehr darum, stets auf einer Höhe mit dem für sein Alter adäquaten Bild zu sein; selbstverständlich ein hochgradig schwerer Balanceakt. Die dicke Anne gibt sich exaltiert, will küssen, doch vor der Kulisse eines McDonald’s-Restaurants wird ihr eingeredetes Selbstbewußtstein von Marie eiskalt niedergemetzelt. Plötzlich geht es darum, sich Bestätigung zu holen, sein Ego zu polieren. Die Jugendlichen nehmen die ihnen oktroyierten Rollen an und streben diesen unverhohlen entgegen: »Self-fulfilling Prophecy«.

Überraschend souverän gespielt von den Jungschauspielerinnen und in ruhigen Bildern von Sciamma inszeniert, entwickelt sich eine fragile Liebesgeschichte, deren zentrale Figur stets Marie bleibt, die sich im Verlangen nach körperlicher Nähe der Verletzlichkeit hingibt und dadurch ihre eigenen Gefühle zurückstellt. Doch Floriane kann ihr nichts Ehrliches bieten, benutzt sie und schüttelt anschließend den Ballast ab. In schwelgenden Zeitlupen tanzt sie mit halbnackten, maskierten Jungs auf einer Vereinsfeier, die gerade die Zwischenstufe aus verklemmter Zweiparteien-Schulparty und ausgelassener Freizügigkeit erreicht. Marie dazwischen: als liebendes, selbstreflektiertes Abfallprodukt, das letztlich am pubertären Zenit durch sexuelle Hingabe scheitert und als Gefühlsleiche in die kindliche Geborgenheit zurückdriftet.

Doch sprichwörtlich ergibt sich gerade aus dem Scheitern die Chance und die hoffnungsvolle Grundhaltung des Films: Marie und Anne steigen wie Phönixe aus der Asche ihrer ersten sexuellen Erfahrungen, nehmen diese Debakel als Einladung zur Selbstbestimmung, aber vor allem als Vertrauensbeweis innerhalb ihrer innigen Freundschaft. Während der fleischgewordene Männertraum Floriane auf der Höhe seiner Plakativität angekommen ist, nehmen sich die Zurückgeworfenen Zeit, das Geschehene zu reflektieren, und geben sich einander durch die Feststellung, den anderen schlicht zu brauchen, um sich selbst zu verstehen, völlig hin. Wie die Synchronschwimmerinnen, die alleine nicht funktionieren würden, die exakt nach Plan, militärisch genau ihren Vorgaben folgen, um eine hohe Punktzahl zu ergattern. Aber Punktwertungen waren schon immer Humbug. 2008-06-28 15:20

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