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Der Mondmann

Man on the Moon. USA 1999. R: Milos Forman. B: Scott Alexander, Larry Karaszewski. K: Anastas Michos. S: Adam Boone, Christopher Tellefsen, Lynzee Klingman. M: REM. P: Mutual, Jersey, Cinehaus. D: Jim Carrey, Danny DeVito, Courtney Love, Paul Giamatti, Bob Zmuda u.a.
102 Min. Concorde ab 11.5.00

Schrecklich komisch

Von Andreas Ungerböck Milos Forman, zuletzt Filmbiograph des »Hustler«-Gründers Larry Flynt, hat sich mit seinem bewährten Autorenteam Scott Alexander und Larry Karaszewski erneut eine sehr umstrittene Figur, den wohl exzentrischsten Komiker der jüngeren amerikanischen Showbusiness-Geschichte vorgenommen: Andy Kaufman.

Sagt man Komiker, dann muß man schon innehalten: Andy Kaufmans Sinn für Humor war und ist beileibe nicht jedermanns Sache. Nach einer brillanten Titelsequenz wird schon anhand einer kurzen Begebenheit mit dem Kind Andy klar, daß dieser nicht ist wie alle anderen. Das vielleicht Schönste an Formans Film ist denn auch die Tatsache, daß er in keiner Phase versucht, die Widersprüche und Konflikte, die diesen Mann ausmachten, zu behübschen oder gar zu verschleiern.

Kaufman wurde nie zu einem gefeierten Star, dazu war er zu kompliziert und zu kompromißlos. Nach einigen Jahren des Tingelns (unter anderem als sehr fragwürdiger Elvis-Imitator) wurde er zwar entdeckt und auch populär, so in der TV-Sitcom Taxi (1975) als Gastarbeiter Latka Gravas, aber seine Karriere hob nie ab. Eigentlich war sie schon bald wieder zu Ende, als Taxi (1975) abgesetzt wurde.

Kaufmans Gabe war es, die Grenzen dessen, was Entertainment sein kann, in selbst heute noch unglaubliche Dimensionen zu verschieben. Es konnte schon mal sein, daß er bei einer Performance die Leute mit der tonlosen Deklamation von F. Scott Fitzgeralds »The Great Gatsby« langweilte, anstatt ihr angeblich »legitimes« Bedürfnis nach Unterhaltung zu befriedigen. Mit seinen Ringkämpfen gegen mehr als 400 Frauen (!), dem sogenannten »Intergender Wrestling«, seinen mehr oder weniger gefaketen Konflikten mit professionellen Wrestlern, seinen Pöbeleien und Geschmacklosigkeiten gegenüber den Besuchern seiner Shows stellte er das von klinisch sauberer Unterhaltung eingelullte amerikanische Publikum auf eine harte Probe – ebenso aber seine Freunde und Mitarbeiter, die, der Film zeigt das sehr schön, genauso wenig wußten, wann Kaufman Ernst und wann er »Spaß« machte – bis hin zur Verkündung seiner tödlichen Krankheit.

Andy Kaufman, das macht Forman klar, war jemand, der sichtlich keinen Platz fand in dieser Welt, eben tatsächlich ein Man on the Moon, einsam und meistens unverstanden, aber auch launisch und bösartig, ein Mann mit einer Vision und einer Haltung, die zumindest damals kaum jemand teilen wollte. Mit Ausnahme einer Weihnachtsshow, die Kaufman in der New Yorker Carnegie Hall zelebrierte (er ließ anschließend die Besucher mit Bussen zu Keksen und Milch karren) und die nicht kurz vor seinem Tod 1984, sondern bereits fünf Jahre früher stattfand, hält sich der Film an die historischen Fakten.

Das geht so weit, daß zahlreiche Zeitgenossen Kaufmans in tragenden Rollen auftauchen, so sein »Komplize« Bob Zmuda und Teile der Mannschaft von Taxi (1975), der Wrestler Jerry Lawler oder David Letterman as himself. George Shapiro, Kaufmans Entdecker, und Danny DeVito, für den Taxi (1975) ebenfalls den Durchbruch bedeutete, haben den Film mitproduziert. Der Mondmann hält die Balance zwischen Komik und Tragik und läßt sich nicht von der Hollywood-Pest, alles und jedes mit (pseudo-)freudianischen Kunstgriffen erklären zu wollen, anstecken.

Man kann dem Erbe Andy Kaufmans, der weithin vergessen ist (war), wohl kein schöneres Denkmal setzen, als mit diesem Film die Leute ebenso vor den Kopf zu stoßen wie dieser Man on the Moon es zu seinen Lebzeiten getan hat. Um das zuwege zu bringen, braucht man für diese schwierige Rolle einen begnadeten Darsteller, und Forman hat ihn in Jim Carrey zweifellos gefunden. Seine Leistung überstrahlt noch diesen sehr bemerkenswerten Film. 1970-01-01 01:00

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