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The Mysteries of Pittsburgh

USA 2008. R,B: Rawson Marshall Thurber. K: Michael Barrett. S: Barbara Tulliver. M: Theodore Shapiro. P: Groundswell Productions. D: Sienna Miller, Peter Sarsgaard, Nick Nolte, Mena Suvari, Jon Foster, Patrick Jordan, Marc Macaulay, Mark Tierno u.a.
95 Min.

Film ohne Geheimnis

Von Ines Schneider Art Bechsteins Vater ist ein mächtiger Mann in den Verbrecherkreisen Pittsburghs. In seinem Umfeld kommt es schon mal zu überraschenden Todesfällen, auch Arts Mutter ist unter ungeklärten Umständen verstorben. Arts Vater hält nicht viel von klärenden Gesprächen. Er begegnet der konstanten Bedrohung, indem er Art barsch befiehlt, alle beunruhigenden Signale zu ignorieren, BWL zu studieren und sich von zwielichtigen Gestalten fernzuhalten. Art leidet unter dem mehrfachen Druck. Das Studium hat er noch tüchtig und mit Auszeichnung hinter sich gebracht, aber nun regt sich Rebellion in ihm. In diesem Zustand trifft er auf die schöne, trinkfreudige Geigerin Jane und ihren Freund, den Kleinganoven Cleveland. Art ist mehr als bereit, sich zu verlieben.

Von der Romanvorlage Michael Chabons übernimmt der Film das Jahr, in dem die Erzählung spielt, 1983. Warum das durch eine Stimme aus dem Off ausdrücklich erwähnt wird, bleibt unklar, denn in der filmischen Umsetzung wird kaum eine Reminiszenz auf diese Zeit gemacht. Man kann von kaum einem Werk verlangen, etwas so komplexes wie das Lebensgefühl eines Jahrzehnts wiederzugeben, aber wenn der Zeitpunkt so klar genannt wird, hätte man sich doch gewünscht, noch einmal nachempfinden zu dürfen, wie sich ein langer Sommerabend anfühlt, der nicht durch das Klingeln eines Handys unterbrochen wurde. Oder man hätte an irgendeiner Stelle gerne dieses besondere Türkis gesehen, das man bei der Lektüre so klar vor Augen hat, das Türkis des Pullovers, der Arthur Lecomte so ausgezeichnet steht. Und man hätte Arthur Lecomte gern gesehen, wie er diesen Pullover trägt. Und wie er ihn auszieht.

In der Regel hat es keinen Sinn, einen Roman und einen »based upon the novel«-Film zu vergleichen und sich dann kleinlich über Raffungen und Streichungen zu beschweren. Aber wenn dieser Film im Rahmen eines Internationalen Queer Filmfestivals gezeigt wird, kann man eine bestimmte Erwartungshaltung kaum vermeiden. Was Chabons (keineswegs brillanten) Roman auszeichnet, ist eine Stimmung, die wohl jede Generation einmal erlebt: Während einiger weniger Sommertagen lassen Sonnenwärme, Alkohol und Abenteuerlust jede Berührung leicht und unbefangen werden. Im Film ist Chabons Figurenkreis auf eine Menage à trois zusammengestrichen worden. Art ist in Jane verliebt, und da er sie nicht haben kann, wird er eben der beste Kumpel ihres Freundes Cleveland. Daß Art und Cleveland auch einmal im Bett landen, unterstreicht nur einmal mehr, daß Cleveland sich wie ein gefühlloses Arschloch verhält, das wahllos durch die Gegend vögelt. Von wechselseitiger Faszination ist wenig zu spüren, die Figur ist angelegt als überheblicher kleiner Gauner, der sich einbildet, ein großer Ganove zu sein, aber schnell einknickt, wenn es brenzlig wird. Es reicht bei ihm gerade so, um eine liebe Musikerin und einen allzu angepaßten College-Jungen zu beeindrucken. Die Bilder sprechen aber dann doch eine andere Sprache. Eine Liebesszene zwischen Art und Jane ist zwar absolut konventionell gedreht (es schiebt sich sogar rein zufällig eine Schulter zwischen die Kamera und den nackten Art; das Publikum hätte den Anblick vermutlich verkraftet), aber sie wird lang und optisch ansprechend in Szene gesetzt. Arts Erlebnis mit Cleveland erscheint dagegen wie ein Ausrutscher, bei dem die Kamera sich nicht lange aufhalten mag.

Im Zusammenhang mit einem Festival, das Formen von Liebe und Sex zum übergreifenden Thema macht, mögen einige Beobachtungen zu Sexszenen erlaubt sein. Auch bei der Darstellung von Sex zwischen Männern oder zwischen Frauen haben sich mit den Jahren Normen eingeschlichen. Es ist ja nett zu erfahren, daß Männer, wenn es zur Sache geht, offenbar gerne die Finger ineinanderschieben, aber man geht davon aus, daß zwei erwachsenen Menschen noch andere Dinge einfallen, die sie mit ihren Händen tun können. Das ebenfalls oft und gern verwendete Pendant zu solch übertriebener Zurückhaltung ist das hyperrealistische Abfilmen der Handlungen. Es ist völlig verständlich, daß das, was so oft verschwiegen und verleugnet wurde, nun ohne Scheu auf die Leinwand gebracht wird. Aber bei dem klar ausgeleuchteten Akt bleibt gelegentlich die Sinnlichkeit auf der Strecke. Auch bei den Frauen wird häufig auf die immer gleichen Andeutungen zurückgegriffen. Beim Versuch einer deutlicheren Ausführung ergeben sich andere Schwierigkeiten: Es gibt bereits tausende von Filmszenen, in denen Frauen miteinander Sex haben. Sie sind fester Bestandteil fast jeden Pornos. Es stellt eine echte Herausforderung dar, diese Bildwelten, die von Männern vereinnahmt wurden, um andere Männer zu befriedigen, zurückzuerobern. Nicht immer gelingt den Filmemachern und -macherinnen ein unverbrauchter, liebevoller Blick auf die Körper. Aber wieder war es faszinierend dabei zuzusehen, wie sie ihren Platz jenseits der herkömmlichen Lösungen gesucht haben. Genau dafür ist das Festival »Verzaubert« da, um festzustellen, daß jedes Paar seine eigene Liebe lebt und um Ausdrucksformen dafür zu entdecken.

2009-04-08 10:29

Info

gesehen auf dem Verzaubert Filmfestival 2009

Medien

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