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Mother of Tears

La Terza Madre. USA/I 2007. R,B: Dario Argento. B,S: Walter Fasano. B: Jace Anderson, Adam Gierasch, Simona Simonetti. K: Frederic Fasano. M: Claudio Simonetti. P: Medusa Film, Medusa Produzione, Myriad Pictures u.a. D: Asia Argento, Cristian Solimeno, Adam James, Moran Atias, Valeria Cavalli, Philippe Leroy, Daria Nicolodi, Coralina Cataldi-Tassoni u.a.

Ende gut, alles Blut

Von Andrey Arnold Auf der Suche nach einem adäquaten Ausruf, um meine Erfahrung mit dem in vielerlei Hinsicht fassungslosen Finale von Dario Argentos Mütter-Trilogie La terza madre zu beschreiben, fallen mir neben »Potzblitz!« und dem amerikanischen »What Just Happened?« eigentlich nur noch Kapitän Haddocks »hunderttausend Höllenhunde!« ein. Es würde mich nicht Wunder nehmen, wenn nach der Projektion dieses Films manch einer augenreibend und mit ähnlichen Ausdrücken der Verblüffung auf den Lippen aus dem Kino torkelt, im Zweifel über die Realität des gerade Erlebten. Doch ob es sich dabei um die »Essenz des Genrekinos« handelt, wie Markus Keuschnigg meint, oder bloß um einen schlechten Scherz Argentos auf Kosten der Zuschauer, das muß jeder für sich entscheiden.

La terza madre ist (ziemlich genau 30 Jahre nach Suspiria, dem ersten Teil der Trilogie und zugleich Argentos Meisterwerk) ein geradezu archaisches Grand-Guignol-Spektakel, das ohne Rücksicht auf Verluste alle Horror-Register zieht. Geister, Mystik, Okkultismus, Blut, Beuschel und Brüste: Argento greift nicht in die Trickkiste, er kippt sie um und schüttet alles aus, solange es sein moderates Budget zuläßt. Die Opfer heißen Handlung (was ja nicht weiter schlimm wäre) und leider auch viel zu oft Atmosphäre. Letztere war stets ein Grundpfeiler im besseren Schaffen des italienischen Meisters, und nach den Flauten von Il cartaio und seinen Beiträgen zur »Masters-of-Horror«-Reihe wurde die Hoffnung wach, die Eminenz eines »Madre«-Projekts im Kontext des Kanons könnte den Regisseur erneut zu Höhenflügen animieren. Dies ist auch der Fall, doch niemand konnte ahnen, wohin ihn seine Flügel tragen würden: Hier findet sich nichts von den expressiven Farbfluten Suspirias, nichts von der düsteren Beklommenheit Infernos. Stattdessen bekommen wir ein Feuerwerk der unfreiwilligen (oder doch freiwilligen?) Komik geliefert, gewürzt mit wahnwitzigen Gore-Vignetten und Splatter-Stückchen. Peinlichkeit wird an Peinlichkeit gereiht, und glaubt man einen Moment lang, Argento hätte sein Pulver verschossen, setzt er wieder eins drauf, ob mit Billig-CGI oder einem an unsäglicher Lächerlichkeit kaum zu übertreffenden Cameo des unverwüstlichen Udo Kier. Überhaupt ist es verwunderlich, wie schlecht selbst gute Schauspieler in diesem chaotischen Gustostück von einem Film dastehen, so auch Hauptdarstellerin und Regisseurstochter Asia Argento, die neben garstigen Hexen auch von massig hölzernen Dialogen bedrängt wird. Wie Variety-Kritiker Dennis Harvey treffend bemerkt: »It's fortunate [Asia] has proven her ability in films for other directors, because if she only appeared in her dad's films, she'd be considered one of the worst actresses ever to land starring roles through nepotism.«

Aber all das sollte diejenigen, welche zum Genuß dieses Films das nötige Naturell mitbringen, nicht davon abhalten, einen Heidenspaß zu haben. La terza madre ist temporeich, unnachgiebig und alles in allem eine Achterbahnfahrt, eine Wundertüte des schlechten Geschmacks, ein Vorführplatz für die gesamte Menagerie bunten, zügellosen und überkandidelten Horrorkinos. Die Splattersequenzen gehen ungeachtet ihrer ostentativen Billigkeit im wahrsten Sinne des Wortes direkt in die Weichteile, kraft ihrer ungestümen Kreativität lassen sie einen trotz plakativer Plumpheit und der allgemeinen Absurdität des Gesamtgeschehens irgendwie doch nicht kalt. Und obwohl die Story bar jeglicher Bedeutung ist, sei gesagt, daß der Film genug Anhaltspunkte und Anspielungen bietet, um ihn als Endpunkt der Trilogie anzuerkennen, wenn man denn will.

Am Ende kriecht Asia Argento, nachdem sie wortwörtlich mit Unrat übergossen wurde, mit Hilfe eines Random-Retters aus einem Erdspalt und bricht in Lachen aus – doch es wirkt nicht wie kathartisches Lachen diegetischer Erleichterung, sondern wie Schadenfreude über einen gelungenen Streich, in der Manier von »Ich kann nicht glauben, daß wir das grade wirklich gemacht haben!« Wer kein Spielverderber sein möchte, kann ins Gelächter einstimmen. Viele jedoch werden diesen nächsten Schritt des Altmeisters weg von opernhafter Grelleleganz hinein in die Welt fliegender Kinderpuppen, tödlicher japanischer Riot Grrrls und feucht-fröhlicher Hexensabbats über ihren Argento-Altären beweinen. Jetzt heißt es: Alles auf Giallo (2009)!
2009-06-16 16:38

Info

gesehen auf dem Crossing Europe Filmfestival Linz 2009

Medien

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