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Land of the Long White Cloud

NZ 2009. R,K: Florian Habicht. K: Christopher Pryor. M: Marc Chesterman. P: Pictures for Anna.
75 Min.

Schnapperfischen

Von Ulrike Mattern Zuerst ist nur das Rauschen des Windes und der Wellen, das Schnattern der Möwen am Strand zu hören: Wie ein impressionistisches Gemälde eröffnet der Dokumentarfilm des in Berlin geborenen, in Neuseeland aufgewachsenen Regisseurs Florian Habicht. Mit zartem Pinsel hingetupft wirken die schlanken Silhouetten der Fischer in ihren Anzügen aus Neopren. Ihre lang gestreckten Angeln ragen grazil in den von der Gischt verschleierten Himmel. An fünf Tagen im März fand hier, am 90-Mile-Beach in Northland/Neuseeland, der alljährliche Snapper Classic Fishing Contest statt. In diesem Jahr packte Habicht sieben seiner Freunde und die Filmkamera in den Wagen, um die stoischen Fischer (und eine Fischerin in Pink) bei ihrem Wettbewerb um den größten Schnapper zu beobachten. Und um sie auf seine unnachahmliche Art zu befragen: Wo waren Sie, als Prinzessin Diana gestorben ist? Glauben Sie an ein Leben nach dem Tode? Haben Fische Gefühle? Die leichte Irritation bei den von Wind und Wetter gegerbten Männern schwindet proportional zum steigenden Pegel ihres Mitteilungsbedürfnisses. So sieht man in diesem Film hartgesottene »kiwi blokes« weich und redselig werden. Sie parlieren gewandt über das Leben im Allgemeinen und Besonderen, lassen sich Privates entlocken, singen beseelt von Gemeinschaftsgefühl und Alkohol in der Kneipe das Lied »What shall we do with the drunken sailor?« oder bewegen sich leichtfüßig zu Musik und Gesang am Sandstrand.

Habicht betonte bei einem Gespräch in Auckland Ende Juli, wenige Tage vor der Premiere von Land of the Long White Cloud, daß er ohne Recherche mit seiner kleinen Crew an fünf Tagen zeitgleich zum Wettbewerb gedreht habe: »So als würden wir auch fischen.« Diese anarchische Machart prägt den unwiderstehlichen Charme des 75 Minuten langen Dokumentarfilms. Ein kohärenter Schnitt (Peter O’Donoghue) fügt das Material zusammen, ohne dessen Subversion abzuschwören. Habicht ist ein Regisseur, dem seine Protagonisten auf Anhieb zu vertrauen scheinen. Er entblößt sie nicht distanzlos, sondern umarmt sie mit seinem entwaffnenden Interesse. Er respektiert ihre Eigenarten und besitzt ein untrügliches Gespür für flüchtige Momente der Wahrheit (und Schönheit) in jeglicher Exzentrik. Dieser Heimatfilm der etwas anderen Art schließt quasi als Sequel an Habichts Dokumentarfilm Kaikohe Demolition aus dem Jahre 2004 an. Die Story über ein Autorennen mit Fahrzeugen vom Schrottplatz in einer Stadt im äußersten Norden, die sich keines guten Rufes erfreut, avancierte zum nationalen Hit. Sie zirkulierte in der Stadt bereits vor ihrer Kinopremiere in illegaler Kopie und wurde bei den New Zealand Screen Awards 2005 in der Kategorie Best Digital Feature ausgezeichnet. »Durch Kaikohe Demolition hatte ich zum ersten Mal ein eigenes Publikum. Es ist ihr Film, nicht meiner. Sie erheben Anspruch darauf. Für diese Leute wollte ich eine Fortsetzung drehen“, erläutert Habicht die Genese seines Projektes, das mit 30.000 NZ-Dollar vom Screen Innovation Fund unterstützt wurde. Zuerst hatte der 34jährige geplant, durchs ganze Land zu reisen, um das Lebensgefühl Neuseelands einzufangen. Als ihm jedoch seine Mutter von dem Angelwettbewerb in Northland erzählte, sah er alles sofort vor sich – und die Idee für den Film war geboren. Seit August hält sich Habicht mit einem Stipendium in New York auf, den 50.000-Dollar-Scheck für den größten Schnapper (knapp unter 10 kg) aber durfte Rama Waipouri (siehe Foto) mit nachhause nehmen. 2009-08-26 12:34

Info

gesehen auf dem New Zealand International Film Festival 2009
© 2012, Schnitt Online

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