— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Mikrokosmos – Das Volk der Gräser

Microcosmos: Le peuple de l'herbe. F/CH/I 1996. R,B,K: Claude Nuridsany, Marie Pérennou. K: Hugues Ryffel, Thierry Machado. S: Marie-Josèphe Yoyotte, Florence Ricard. M: Bruno Coulais. P: Galatee Films, France 2 Cinema, BAC Films u.a.
77 Min. Arthaus ab 3.4.09

BD. Sp: Deutsch, Französisch (DTSD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.66:1 anamorph, 1080p. Ex: Making of, Interviews, Trailer.

Der Kosmos der Details

Mikrokosmos auf Blu-ray Disc

Von Stefan Höltgen Wenn es um Bildschärfe und Auflösung geht, zeigt die Blu-ray Disc ihre Vorteile ganz besonders gegenüber anderen Heimkino-Formaten. Und immer wieder sind es zwei Genres bzw. Motivkomplexe, mit denen diese Stärke hervorgekehrt wird: Filme, die das ganz Große ins Auge rücken (Space Operas wie 2001) und solche, die einen genauen Blick auf die Natur werfen. Claude Nuridsanys und Marie Pérennous 1996 entstandener Dokumentarfilm Mikrokosmos gehört zu letzterem und auch irgendwie zu ersterem, denn was die Filmemacher hier mit dem Makroobjektiv auf Leinwand- beziehungsweise Bildschirmgröße aufblähen, entfaltet tatsächlich jenen titelgebenden Kosmos voller unbekannter Welten und Wesen.

Der Film eröffnet in diesem Sinne mit einer Kamerafahrt von über den Wolken hinab zu einer Wiese – wo genau sich diese befindet, wird in der einzigen Kommentarpassage des Films nicht verraten. Nur, daß sie etwas verbirgt, das man nur dann erfahren kann, wenn man sich ihm ganz leise nähert. Mit dieser Empfehlung setzt Mikrokosmos zu seiner Erzählung an – denn auch, wenn die Dramaturgie des Films keinen konventionellen Plot präsentiert, so webt sie ihre Erzählstränge doch in einen Rahmen, der nach allen Facetten dramatischer Erzählkunst erstellt ist. Dazu gehören zunächst Kamera- und Montageästhetiken, die im konventionellen Spiel- und Dokumentarfilm rein formgebende Funktion besitzen: Wie oft zeigt Mikrokosmos einen Establishing Shot, mit dem die Wiese, ein Baum oder eine ausgetrocknete Pfütze in der Draufsicht präsentiert wird, um uns zu suggerieren, daß das, was dann folgt, dort stattfindet? Und jedesmal müssen wir es glauben, weil der Sprung vom Großen zum ganz Kleinen viel zu gewaltig ist, als daß wir ihn nachvollziehen könnten. Ein weiteres Mittel, die Rezeption zu lenken, sind Bruno Coullais Soundtrack und die von einem ganzen Geschwader von Tontechnikern erzeugten Geräusche, von denen wohl nur die allerwenigsten Source Sounds darstellen. Vielmehr war man bemüht, die klangliche Vorstellungswelt des Zuschauers, der meint, zu diesem oder jenem Tier gehöre dieses oder jenes Geräusch, in den Film einzubauen. Und auch die anderen aus Tierdokumentationen bekannten Tricks zur Inszenierung des nicht dressier- und deswegen nicht inszenierbaren wilden Lebens finden hier Anwendung.

Daß Mikrokosmos seinen Fundus ästhetischer Fiktionalisierungsstrategien viel deutlicher in den Vordergrund stellt als andere Dokumentarfilme dies tun – ja, als es ihrer Glaubwürdigkeit gut täte – könnte seinen Grund darin haben, daß uns der Film in eine Welt einführt, die wir nicht kennen, in der vieles so ganz unvermittelt, vielleicht eklig, bedrohlich oder skurril wirken würde. Unser einziger Anker, ein Verständnis für die Schönheit dieser Welt zu entwickeln, liegt in der offensichtlichen Inszenierung. Da können dann Mistkäfer, die ihre Kugeln sisyphonisch einen Hügel hinaufrollen, nur, um dann wieder mit ihm hinabzukullern, zu Slapstick werden, die Bilder zweier Hirschkäfer, die auf einem Ast darum kämpfen, wer zuerst den Weg passieren darf, werden wie in einem Actionfilm montiert, oder eine scheinbar endlose Reihe von Raupen, die hintereinanderherkrabbeln (um von oben für Vögel wie eine Schlange auszusehen), werden beim Zoom Out aus größerer Entfernung als endloser Tatischer Kreisverkehr enttarnt, bei dem nichts vorangeht und sich alles irgendwann zum Chaos entwickelt. Die kleinen Dramen und Komödien, die das Leben schreibt – das der Insekten ebenso wie das der Menschen – werden immer erst durch den Formwillen zu solchen. Die Aufgabe und Kunst des Films ist es, diese Formen auf die natürliche Ordnung zu projizieren. Dann kann aus dem »Material« ein Film und aus dem »Ereignis« vielleicht eine Allegorie werden.

Der Untertitel von Mikrokosmos legt diese Lesart schon nahe: »Das Volk der Gräser«. Es verfügt über seine ganz eigene Sozialstruktur und seine eigenen Regeln. Diese konnten wir bisher nur von oben zur Kenntnis nehmen. Mikrokosmos verschafft uns nun jedoch den Einblick auf Augenhöhe und läßt unseren Blick selbst durch den Gräserurwald wandern. Die Detailgenauigkeit, mit der uns das alles vor Augen geführt wird, macht beinahe sprachlos. Der sekundenlange Geburtsvorgang einer Mücke ist ein Beispiel dafür – wie sie sich langsam nach oben aus ihrem Kokon schiebt, dabei die Beine immer mehr in eine symmetrische Gebetsstellung bringt und dann in Bruchteilen von Sekunden einfach mit dem typischen Mückensummen davonschwirrt. Und eine kleine Raupe, von deren Körper sich warnend zwei spitze rote Fühler nach oben strecken, die wie Teufelshörner aussehen: Die nie wahrgenommenen Farben und Formen der Dinge und das Detail am Detail, das Kleine im und am Kleinen verlangen, genau hinzuschauen. Das gelingt am besten im Kino und dann auf der großen Bildfläche eines Fernsehers, der die Blu-ray-Auflösung voll zur Geltung bringt.

Es scheint fast so, als habe der Film auf seine Präsentation in diesem Format gewartet. Denn ähnlich wie andere Naturfilme (etwa die atemberaubende BBC-Serie Planet Erde) holt er das Maximum an Bild- und Tonqualität aus der Heimkinotechnik heraus. Kinowelt hat bei der Publikation von Mikrokosmos besondere Sorgfalt walten lassen, so daß sich die Scheibe in die Referenzklasse bisheriger Blu-ray-Produktionen einreihen läßt. Ein Making Of und zwei Interviews sind dem Film beigefügt, der sowohl in der französischen Original- als auch in einer deutsch synchronisierten Fassung mit optionalen Untertiteln vorliegt. Dieser Umstand erscheint etwas merkwürdig, da ja ohnehin nur ganz am Anfang ein paar einleitende Sätze gesprochen werden. Ab dann sprechen nur noch die Bilder eine im besten Sinne überdeutliche Sprache.

2009-04-08 10:01

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap