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Your Mommy Kills Animals

USA 2006. R: Curt Johnson. K: Anthony Rodriguez. S: Greg Browning. M: Gregory Scarnici. P: Indie Genius Productions.
108 Min. Al!ve ab 31.10.08

Sp: Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Trailer.

Das Fell über die Ohren ziehen

Von Kristina Schilke Aus einer neueren Jahresbilanz der Tierschutzorganisation PeTA (People for the Ethical Treatment of Animals) im Bundesstaat Virginia, USA geht hervor: Von ca. 2.500 aufgenommenen Tieren hat PeTA 1.900 human eingeschläfert. Wußte man das? Durch derlei Fakten zu PeTA und der dualistischen Darstellung von durch (teils fanatische) Tierschutzorganisationen erzeugtes Leid und Freude beleuchtet Regisseur und Produzent Curt Johnson das leidige Thema des Tierschutzes neu und ambivalent, vor allem aber nährt er keinerlei deutliche Tendenzen zu der einen oder anderen Haltung.

Your Mommy Kills Animals heißt der Film, und denkt man dabei noch an eine plakative, der Sensationslust zuträgliche Betitelung, wird man gegen Ende eines besseren belehrt: Denn Your Mommy Kills Animals basiert auf dem gleichnamigen Kindercomic, der von der PeTa herausgegeben wird und neben einer Aufklärung über die eigene tiermordende Mutter auch eine Fotographie eines (zu Fellzwecken) enthäuteten Fuchses enthält. Solche makabren Höhepunkte des Tierschutzes werden zwar vorgeführt, doch glücklicherweise hält sich der Film nicht bei ihnen auf. Vielmehr steht eine weitreichendere und komplexere Entwicklung im Mittelpunkt: Dank des 11. September wurde noch in der Bush-Legislatur der Terrorismusakt verabschiedet. Die finale Folge dieses Ereignisses ist nun die im Film zentrale Darstellung der Verurteilung von sechs ranghöheren Mitglieder der SHAC (Stop Huntington Animal Cruelty) als Terroristen.

Starke und glücklicherweise nicht mit Musik untermalte Bilder sind das, wenn diese mageren, hübschen, intelligenten Jungs, die lediglich idealistische Dummheiten begangen haben, von ihren Müttern zum Gerichtssaal begleitet werden, selber tragen sie die auf Bügeln hängenden, gebügelten Hemden. Doch man muß mit den eigenen Augen diese fein geschnittenen Gesichter und die selbst gegenüber Tierversuchsforschern begangenen Stalking-Attacken sehen, um erst das Ausmaß der Ambivalenz dieses Themas zu begreifen.

Der Film nimmt eine informierende Funktion ein, betrachtet die Themen allerdings von Amerikas Standpunkt aus und erzählt sie auch für die USA. Kontroverses wie die Fell-Debatte wird aufgegriffen, in dessen Aufarbeitung der Film auch zu einem seiner Höhepunkte gelangt, an dem er die konträren Ansichten von Tierrechtlern, von geschädigten Fellfarmern und Journalisten in schneller, aufeinander zugeschnittenen Abfolge wie einen streitbaren Dialog präsentiert. Kommentare gibt es keine, geschweige denn eine Erzählerstimme. Für die ungefähre Plotlinie wichtige Fakten werden schriftlich im Bild festgehalten. Auch ist es als eine insgesamt erstaunliche Leistung zu würdigen, daß es bei so kontroversen Themen gelungen ist, weder in Michael Mooreschen Moralaktivismus abzurutschen noch sich klar einer Seite zuzuwenden. Gegen Ende weiß man als Zuschauer tatsächlich nicht, welcher Lobby man sich zuwenden möchte nach all dieser Aufklärung, und genau diese Unsicherheit beruhigt in Zeiten populistischen Infotainments. Es verwundert nur, wer sich bloß dazu entschlossen hat, die Nachrichtenbilder der extremen Protestaktionen der Tierrechtler mit Punkrock zu unterlegen, entpuppt sich dies doch als ein pubertäres, filmisches Stilmittel. Und ein weiterer Punkt könnte das Staunen über die gezeigten Verhältnisse abmildern: Denn ist es wirklich nötig, Aufnahmen misshandelter oder verstümmelter Labortiere zu zeigen, wenn jede einzelne mündlich vorgetragene Erfahrung eines Tierschützers um so vieles mehr aussagt?
2009-06-05 11:22

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