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Die Ratte

D 1993. R,B: Klaus Lemke. B: Frank Göhre. K: Lothar E. Stickelbrucks. S: Monika Schuchard. M: Don Cherry, Ricardo Jervis Lyte. P: Klaus Lemke Filmproduktion. D: Thomas Kretschmann, Marco Heinz, Andrea Heuer, Ernie Reinhardt, Myriam Zschage, Alberta Lojpur, Sören Pagel, Elke Dudaci u.a.
85 Min. epiX ab 20.2.09

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.66:1 anamorph. Ex: Regie-Audiokommentar, Trailer, Biografien u.a.

Hamburger Heimatfilm

Von Friederike Horstmann Klaus Lemke mag einfache Geschichten, ist bekannt für seine Schwärmereien für die Hafenstadt Hamburg und ihren Reeperbahn-Kiez. Diese Komponenten verbindet er in Die Ratte zu einem Milieufilm, wie üblich ohne ausformuliertes Drehbuch. Ein chaotisch kühlnasser Regentag auf St. Pauli in den frühen 1990ern mit überschaubarer Geschichte: Gerade aus dem Knast entlassen träumt Sven von der Auslösung seines 356er Porsches, den er mit Diebstählen und Drogengeschäften zurückkaufen will. Als der Szenemacho sich dreist bei den Ersparnissen seines kleinen Supermarktlehrlingsbruders Ricki bedient, besteht dieser darauf, den großen Bruder auf dessen Reeperbahnstreifzügen zu begleiten. Nacheifernd befolgt der 15Jährige die abstrusen Aufforderungen des bewunderten Bruders. Doch als ein Drogendeal durch Rickis Unachtsamkeit beinahe platzt, wird er vom großen Bruder nicht nur verprügelt. Ricki nimmt Rache und zerstört den Porsche.

Trotz simpler Story ist die Handlung in der Trashkiezstudie ziemlich zerfahren, wirkt alkoholumnebelt und versoffen wie ihre Darsteller. Sprunghaft werden Szenesplitter aneinandergereiht. Schauplätze, Situationen und Stimmungen sind wichtiger als eine stringente, logischen Prinzipien folgende Erzählung. Die für Lemke obligatorisch gewordenen Laienschauspieler hangeln sich an der Geschichte entlang, verirren sich im Rotlicht, in verdreckten Straßen, in urbanen Lichtern sexueller und ökonomischer Verlockungen. Auf der Reeperbahn treiben sie durch Kneipen und Puffs, durch eine rudimentäre Handlung. Sie sind keine Charaktere, sondern Typen. Großmäulig reden sie in schmuddeligen Sprüchen wie in Sprechblasen: »Sex ist nichts für Muttersöhnchen und Arschbackenzusammenkneifer« oder »Der sieht aus wie sein eigener Fußpilz«. Sätze wie man sie aufschnappt, wenn man im Alkoholrausch Menschen zuhört, die noch viel mehr gesoffen haben. In ihrer Aufgeplustertheit wirkt die Sprache zugleich aufgesagt und natürlich. Grell und dreist, billig und kaputt. Klaus Lemke improvisiert mit lebenserfahrenen Dilettanten, die stets mitspielen, daß ihr Schauspiel gespielt wird. Er findet sie auf der Straße. Die Grenze zwischen Kino und Leben wird durchlässig, beginnt zu flimmern. Die Hamburger Kiezprominenz wie der Transvestit Lilo Wanders oder Rocko Schamoni, Autor von »Dorfpunks« und auch bekannt als Mitglied des Telefonstreich-Trios »Studio Braun«, engagierte Lemke für Nebenrollen. Der heutige Hollywood-Star Thomas Kretschmann hat als »finsterer Ficker« (Klaus Lemke) sein Leinwanddebüt.

Die Ratte ist immer drauf und dran zu scheitern. Die Story ist zu zäh, um wirklich in Schwung zu kommen. Ständig sieht man Sven in schmierig verstiegener Machomentalität beim Saufen, beim Sex. Sieht den rauhbeinigen Draufgänger bei seinen potenzprotzigen Eskapaden mit schmierfettig halblangem Haar, mit Koteletten, Sonnenbrille und wallend langem Mantel. Räudige Qualität zeigt sich in den grobkörnigen Bildern, in graustichig verwaschenen Farben. Eintönig sind die Bilder mit einer kruden Kreuzung aus nervösen Saxophonklängen und schnellen Techno-Beats unterlegt. Während des launigen Audiokommentars äußert sich Lemke zu seiner Filmintention: »In diesem Film ging es mir um viel, aber eigentlich nur um die Titten dieser Frau.« Die Vielfalt des rotlichtbeschienenen Hamburger Heimatfilms zeigt sich in Milieu und Sprache der Reeperbahntypen, seine Dürftigkeit in der Reduktion auf eine schräge Abfolge von Sex und Crime. 2009-07-21 11:09

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