— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Big Eden

USA 2000. R,B: Thomas Bezucha. K: Rob Sweeney. S: Andrew London. M: Joseph Conlan. P: Chaiken Films. D: Arye Gross, Tim DeCay, Eric Schweig, Louise Fletcher, George Coe, Nan Martin u.a.
113 Min. Pro-Fun ab 29.7.09

Sp: Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Extras: Interviews, Deleted Scenes, Kinotrailer u.a.

Schwules Paradies

Von Martin Wolkner Das in den letzten Jahrzehnten stark gewordene Queer Cinema beschäftigt sich immer wieder mit dem Thema Coming Out bzw. Kampf um Anerkennung durch ein ablehnendes, heteronormiertes Umfeld. Dies ist nicht nur das Sujet von Klassikern wie Beautiful Thing, sondern auch vom Gus-Van-Sant-Erfolg Milk, dem doppelten Oscar-Gewinner 2009. Zuerst scheint Big Eden dieses Thema ebenfalls zu behandeln, doch unter verkehrten, aus schwuler Sicht paradiesischen Vorzeichen, denn das kleine (fiktionale) Nest Big Eden in den Bergen des Glacier-Nationalparks ist unheimlich homofreundlich.

In einer anonymen Großstadt wie New York City offen schwul zu leben, fällt ziemlich leicht. Wenn es jedoch zu ländlicheren Regionen kommt, erwartet man traditionellere, christlich geprägte Familienwerte, klar definierte heterosexuelle Geschlechterrollen und daraus resultierende Ablehnung aller Normverstöße, wie es bereits in Ich kenn' keinen – Allein unter Heteros für Schwaben dokumentiert ist. Diese Erwartung und Angst steckt auch in Hauptcharakter Henry, der nach vielen Jahren in seine Heimatstadt im provinziellen Montana zurückkehrt und sich nicht traut, sich dort zu outen. Doch ganz gegensätzlich zu diesen Befürchtungen erkennt und akzeptiert jeder im Dorf seine Homosexualität. Jeder, sogar die unterbeschäftigten Holzfäller und Handwerker – Prototypen heterosexueller Maskulinität – helfen hinter seinem Rücken mit, Henry zu verkuppeln. Diese Diskrepanz zwischen erwarteter Schwere und realer Leichtigkeit macht das Suspense-Gefühl und die fast schelmische Freude beim Schauen von Big Eden aus.

Das empfanden auch die Besucher und die Jurys vieler (schwul-lesbischer) Filmfestivals so. Über 50 internationale Festivals überschütteten Big Eden mit Preisen und machten ihn zum meistausgezeichneten Film des Queer Cinemas. Doch diese Welt kristallklarer Bergseen, cappuccinotrinkender Handwerker und wohlwollender Toleranz ist nicht nur wundersam unkompliziert und naiv-unkritisch, sondern kitschig mit der schmalzigen Country-Musik und idyllischer Urlaubskulisse. Das wird ausgeglichen von der unprätentiösen Leistung des Autor-Regie-Erstlings Bezucha und seiner Geschichte, die von reiferen Männern handelt. Diese brauchen kein großes Drama in ihrem Leben und werden von erfahrenen, einnehmenden (heterosexuellen) Darstellern mit Bedacht und emotionalem Feingefühl gespielt.

Wegen der vollkommenen Akzeptanz der Dörfler stellt sich bald heraus, daß das Coming-Out-Thema gar kein wirkliches ist und die einzigen Probleme romantischer Natur sind: Henry hat zwanzig Jahre auf seine Jugendliebe gewartet, den heterosexuell geschiedenen Dean, der mit seinen Söhnen ebenfalls nach Big Eden zurückgekehrt ist. Aber die beiden ehemals besten Freunde kommen sich nicht nur näher als jemals zuvor, auch versuchen die Dörfler, Henry mit dem äußerst schüchternen Indianer Pike zu verkuppeln, der eine verborgene Zuneigung für Henry hegt. Der Ausgang dieser beiden konkurrierenden Romanzen ist zwar schnell klar, und die Entwicklung bis dorthin enthält nichts Überraschendes, doch die Geschichte erlaubt ein paar angenehme charakterliche Tiefen, und glücklicherweise stimmt einfach der Ton und Charme des Films. Wäre nicht das furchtbar konventionelle retardierende Moment, welches das Genre der romantischen Komödie in dieser Form schon unzählige Male durchexerziert hat, hinterließe Big Eden nur das wärmende, süße Gefühl, daß das Leben so einfach sein könnte.
2009-10-21 12:25

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap