— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Berlin Song

D 2007. R,B,K,S: Uli M. Schueppel. P: De.Flex-Film.
84 Min. Indigo ab 18.9.09

Sp: Englisch (DD 2.0) Ut: Deutsch, Französisch. Bf: 1.33:1

Der fremde Blick

Von Kristina Dröge Sie sind Gestrandete. Josepha, Kat, Phil, Tommy, Einar, Nathan und Elisabeth hat es nach Berlin verschlagen. Die einen wollten unbedingt hierher, weil diese Stadt es ihnen angetan hat, die anderen sind ganz zufällig hier gelandet, wegen der Liebe, nach einer Europareise oder warum auch immer – und sind einfach geblieben. Die Weltenbummler aus den USA, England, Australien und den Niederlanden verbindet das Entdecken und Eintauchen in diese Metropole und – in erster Linie und vor allem: die Musik. Die sieben sind New-Urban-Folk-Musiker, die sich bei Open-Mic-Nights getroffen und gefunden haben. Eine kleine internationale Freundeskreis-Familie, die sich Halt gibt in der fremden neuen Heimat. Gemeinsam mit ihnen gehen wir auf kleine Entdeckungsreisen durch Berlin, lernen ihren Kiez in und um Kreuzberg kennen und fühlen uns dabei vielleicht selbst ein kleines bißchen wie jemand, der Neuland betritt.

Die Geschichte dieses Schwarzweiß-Films ist eigentlich schnell erzählt. Der Dokumentarfilmer Uli M. Schueppel, dem das Genre des Musik-Dokumentarfilms durchaus vertraut ist, hat die Musiker gebeten, ihr ganz eigenes, persönliches Lied über Berlin zu schreiben. Wir beobachten sie dabei, wie sie sich auf ein gemeinsames Konzert vorbereiten – die Konzertorganisatoren Jan und Sebastian haben manchmal ihre liebe Mühe, den kreativen Haufen zu koordinieren – bei dem sie ihr Lied präsentieren sollen. Wir gehen mit ihnen auf sogenannte »Song Walks« durch Berlin, auf denen sie über die Stadt und das Leben philosophieren, ihren eigenen »Berlin Song« ergründen und reflektieren, für den Auftritt proben. Das erinnert ästhetisch an die späten 1970er Jahre und Filme wie Clara and Renaldo von und mit Bob Dylan – und mag streckenweise etwas langatmig und manches mal auch etwas avantgardistisch anmuten. Wir driften mit den Protagonisten durch ein graues Berlin: Nathan performt ein spontanes »Happening« in einer Telefonzelle, Elisabeth wandert mit verbundenen Augen durch die Straßen. Aber Schueppel schafft es immer wieder, den roten Faden des Films aufzugreifen und diese Momente in die Filmhandlung zu integrieren. Er vereint dabei das Porträt einer Stadt mit dem Porträt einer speziellen Subkultur und geht dabei dramaturgisch einfach, aber effektiv vor.

Die typischen Berlin-Klischees werden dabei nicht ausgelassen, diese Zerrissenheit irgendwo zwischen häßlichem Moloch und einer wunderschönen Stadt »[…] that has more bridges than Venice […]«, wie Josepha singt. Die Winter sind verdammt kalt, die Straßen grau und dreckig, überall wird gebaut und »[…] nobody in his right mind would move to this city […]«. Es lädt schon etwas zum Schmunzeln ein, wenn Kat ihren ersten Schnee in Berlin beschreibt, begeistert wie ein kleines Kind. Diese naive Art, mit offenem Blick auf alles um sich herum zu schauen, trägt dann auch den Film. Dieser fremde Blick, vielleicht am ehesten vergleichbar mit dem Gefühl, das man hat, wenn man von einer langen Reise nach Hause kehrt und auf einmal die merkwürdigsten Kleinigkeiten bemerkt. Doch dieser Augenblick währt nicht lang. Umso spannender ist es, als Einheimischer daran erinnert zu werden, wie die eigene Heimat wahrgenommen wird. Und daß diese Stadt tatsächlich eine große Faszination ausübt, trotz der kalten Winter und trotz des Drecks – weil sie eine einmalige Energie ausstrahlt, eine lange Geschichte hat und trotzdem im konstanten Wandel ist.

Da gibt Phil begeistert eine kleine Geschichtsstunde, Einar schwärmt von der Berliner Kneipenkultur. Jeder der Musiker hat seinen eigenen kleinen Ort gefunden, der nun ein Stückchen neue Heimat geworden ist: Josepha fühlt sich wie in der heimatlichen Küche im kleinen Mini-Bistro an der Straßenecke, Kat liebt die sommerlichen Nachmittage im Görlitzer Park, wo sich alle aus dem Kiez tummeln, Tommy spürt eine ganz spezielle Energie auf den Brücken zwischen Kreuzberg und Friedrichshain, Nathan hat seine Nische am Spreeufer gefunden, Einar in den Kneipen und Elisabeth auf den Straßen Berlins. Darüber hinaus: Berlin ist eine Stadt, in der es sich ein Musiker leisten kann, tatsächlich nur von seiner Musik zu leben.

Es ist faszinierend, wenn nicht sogar bewundernswert, mit welcher Entschiedenheit und mit welchem Enthusiasmus sich diese kleine Gemeinde dazu entschlossen hat, in dieser Stadt zu bleiben und ihr Leben hier zu gestalten. Man hat die Protagonisten am Ende des Filmes fast ein wenig lieb gewonnen, wie sie so vollkommen unprätentiös und ehrlich über sich und ihre Gefühle, ihr Leben sprechen. Ein bißchen künstlerisch durchgeknallt, aber nie zu sehr selbstdarstellerisch. Fast ein bißchen wehmütig und abrupt endend läßt der Film den Zuschauer dann auch zurück. Man hätte fast Lust, einfach nach Kreuzberg zu fahren und fernab der Touristenströme darauf zu hoffen, einen dieser Musiker an der Straßenecke zu treffen und seinem »Berlin Song« zu lauschen. 2009-11-19 10:57

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap