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Neon Genesis Evangelion

Shin seiki evangerion. J 1995-1997. R,B: Hideaki Anno u.a. S: Sachiko Miki, David Grundy. M: Shirô Sagisu. P: Gainax, Production I.G., Project Eva, TV Tokyo.
750 Min. Universum Film ab 20.10.08

Sp: Deutsch, Englisch, Japanisch (DD 2.0, 5.1). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.33:1. Ex: Cast & Crew Kommentare, Behind the Scenes, 60seitiges Booklet u.a.

Traum und Trauma

Von Daniel Bickermann Alle paar Jahrzehnte gibt es in jedem Genre ein singuläres Werk, das alle Regeln bricht, alle Horizonte erweitert und der erstarrten Form neues Leben einhaucht. Für das Genre der Mecha-Anime-Serie, die sich traditionell mit menschengesteuerten Kampfrobotern und wenig mehr auseinandersetzt, war Hideako Annos 1995 entstandene Reihe Neon Genesis Evangelion ein ebensolcher Augenöffner, der keinen Stein mehr auf dem anderen ließ und international hohe Wellen schlug.

Die Revolution beginnt schleichend, aber bereits ganz am Anfang: Der Vorspann zeigt neben den üblichen technischen Protzbildern auch Visionen von nackten Frauenkörpern, die wie in einem Teenager-Bond-Film in Silhouetten am nachdenklich in die Ferne blickenden Protagonisten vorbeiziehen. Das Verhältnis zwischen der pubertierenden Hauptfigur und den weiblichen Körpern um ihn herum ist nicht nur Thema, sondern wird letztlich auch globale Bedeutung erfahren. Es sind aber auch wahrlich verstörende und überraschend vielseitige Frauen, die ihn da belagern: Weitab von der üblichen Manga-Dichotomie zwischen Kindchenschema und Kampfmaschine darf eine Figur wie die resolute Majorin Misato Katsuragi innerhalb der gleichen Szene comic relief, Actionheldin, saufendes Sexobjekt, weise Mentorin, toughe Geschäftsfrau und selbstzweifelnde Heldin sein. An die ätherische Rei Ayanami, eine Art außermenschliches Manga-Käthchen von Heilbronn, kommt der Protagonist ohnehin nicht ran. Die einzig wirklich faßbare Frauenfigur ist die ebenfalls jugendliche deutsche Pilotin mit dem urgermanischen Namen Asuka Langley Soryu, die an ihren eigenen Ambitionen zerbricht und selbst mit ihren letzten Worten noch auf planlose, erbärmliche Jungs schimpft.

In den ersten Folgen tauchen wir dank des bei Hayao Miyazaki in die Schule gegangenen Animationsgenies in eine scheinbar banale Welt ein: Eine postapokalyptische Menschheit ist den ständigen Angriffen sogenannter »Engel« ausgesetzt, die nur mithilfe gigantischer Kampfroboter abgewehrt werden können – und diese wiederum können nur von einer Handvoll besonders begabter Kinder gesteuert werden. Jede Folge endet mit einem spektakulären Showdown, zwischendrin werden mit albernem Gestus pubertäre Unsicherheiten verhandelt – so weit, so traditionell. Doch bald lösen sich alle Ebenen auf: Gab es schon vorher betörende Kadrierungen und Momente provokativen Stillstands, so geht die Serie bald sowohl narrativ als auch thematisch völlig aus dem etablierten Leim: Ganze Episoden spielen sich nur noch im Kopf der Protagonisten ab, die Montagen werden zunehmend assoziativ bis avantgardistisch, wie in einer Verschwörungstheorie-Soap arbeitet plötzlich jeder heimlich gegen jeden, und die simple Ausgangssituation von Gut und Böse wandelt sich ins Metaphysische und Psychedelische, teilweise gar ins Theologische. Die Serie schlägt nun abrupte Salti zwischen dem Wahnsinn der Gewalt, der für die jungen Gehirne dieser Kindersoldaten irgendwann unerträglich wird, der immer drängender werden sexuellen Verstörungen und den Momenten tranquiler Schönheit und profunder Wahrheit.

Ganz ohne Vorbilder ist Evangelion natürlich nicht, schon Katsuhiro Otomos Akira verknüpfte cronenbergesquen Körperhorror mit pubertärer Körperbewußtseinsstörung, und hier wie dort wird Japans anhaltendes nukleares Trauma ausgestellt, ohne das die fernöstliche Medienkunst nach 1945 ohnehin nicht verstehbar ist. Die Vernichtung ganzer Städte in solchen Mangas (aber natürlich auch in den verwandten Godzilla-Filmen) ist dort weniger SciFi als aufgearbeitete reale Vergangenheit. Die letzte der 25 halbstündigen Folgen haben in Asien mehr als 10 Mio. Zuschauer gesehen – den Einfluß, den diese Serie auf die Mangalandschaft hatte, kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Und erst durch die Beigabe von christlicher Theologie, freudianischen Untertönen (vom kollektiven Vatertrauma bis zum Treffen mit der buchstäblichen Urmutter Lilith) und formalen Experimenten wie der brillant wechselnden Farbgebung wurden Nachfolgeserien mit ähnlich psychedelischen Themen wie Lain – Serial Experiments möglich.

Die Doppelfolge, mit der die eigentliche Serie abschließt, dreht dann vollends leer: Selten war Anime so nah am Experimentalfilm mit assoziativen Montagen, Collagen von Fotographie und Zeichenskizzen. Eine völlige Auflösung des Mediums, erst auf graphischer, dann auf erzählerischer Ebene durch Traumbilder und alternative (Wunsch-)Realitäten, wo die Handlung noch einmal als drollige Sitcom abläuft. Dazu wird bevorzugt kirchliche Choralmusik oder gleich Beethovens Neunte gereicht. Bon appetit.

Doch so grandiose Sequenzen die eigentliche Serie auch bietet (von einer synchronen Choreographie zweier Kampfroboter, die eine volle Minute lang geräuschlos über schwebende Klassikmusik gelegt wurde, bis zu dem erschütternden einminütigen Stillstand von Bild und Ton im Höhepunkt einer der letzten Folgen), so kann die NGE-Erfahrung doch nicht vollständig sein ohne den abschließenen Zweistundenfilm End of Evangelion. Dieser wurde weniger wegen massiver Nachfrage als aufgrund der massenhaften Publikumsverwirrung in Auftrag gegeben. Und Hideaki Anno ging dabei einen ähnlichen Weg wie einst David Lynch bei Fire Walk With Me: Er machte Schluß mit lustig und wendete die Serie vollends auf ihre dunkle Seite. Gleich zu Beginn der unvergeßlichen und nicht jugendfreien 120 Minuten masturbiert der jugendliche Protagonist Shinji am Krankenbett einer Kameradin. Alle Figuren haben urplötzlich finstere Wendungen genommen, man spricht schon in den ersten Minuten von der Auflösung (oder doch eher der Auslöschung?) der Menschheit in eine formvollendetere Rasse, oder genauer: in ein liquides Kollektivwesen. Das Schicksal der Erde liegt schließlich in den Händen eines pubertierenden, von sexuellen Schuldgefühlen gelähmten Jungen, der gerade eine tiefe suizidale Phase durchmacht. Viel Glück damit.

Daß hier irgendwelche Gefühle geschont werden, kann man also wahrlich nicht behaupten: End of Evangelion ist ein unglaubliches Gemetzel, ein dunkles Meistwerk ganz für sich selbst, vollgestopft mit atemberaubenden Bildern; eine orgasmatische 120-Minuten-Zerstörungsorgie, in der Kinder zu Tode geprügelt und ihre Leichen in Stücke gerissen werden, in der Hauptfiguren ganz prosaischen Selbstmord in einem Bunker begehen und andere ebenso prosaisch einfach niedergeschossen werden. Hier finden sich einige der bemerkenswertsten Sequenzen der Anime-Geschichte: Das Blutbad zum melancholischen »Air« aus Bachs 3. Orchestersuite ist sensationell; und die Klimax, in der zu einem süßen amerikanische Popsong aus der Weltkugel die gigantische Gestalt eines nackten Mädchen entsteigt und alle Menschen zu einer Biomasse verflüssigt, muß man gesehen haben, um es glauben zu können. Irgendwo zwischen dem christlichen Körperhorror von Gibsons Die Passion Christi und den psychedelischen Erlösungsvisionen von Aronofskys The Fountain schmiedet Anno mit formalen Experimenten von Strichzeichnungen bis zu Realfilmsequenzen, von statischen Standbildern bis zu schwindelerregenden Bilderstürmen ein Meisterwerk des Zeichentrickfilms. Und warum das alles? Nur um diesen Abschlußfilm noch verstörender enden zu lassen, als es die Serie ohnehin schon tat. 2010-02-04 16:15

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