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The Box – Du bist das Experiment.

The Box. USA 2009. R,B: Richard Kelly. B: Richard Matheson. K: Steven Poster. S: Sam Bauer. P: Darko Entertainment, Media Rights Capital. D: James Marsden, Cameron Diaz, Frank Langella, Michele Durrett, Gillian Jacobs, Patrick Canty, Andria Blackman u.a.
110 Min. Paramount ab 19.2.10

Sp: Englisch, Deutsch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.40:1 anamorph. Ex: Making Of, Richard Matheson – mit seinen eigenen Worten, Die Entstehung der Spezialeffekte, Die Vorgeschichte, Interviews, Darsteller-Informationen.

Schuld und Sühne

Von Patrick Hilpisch Da hat ihn nun also das gleiche Schicksal ereilt wie seine Vorgänger: Auch The Box, Richard Kellys dritter Spielfilm, kommt hierzulande nicht in die Kinos, sondern wird direkt auf DVD und Blu-ray Disc ausgewertet. Daß der Sci-Fi-Mysterythriller dabei zu einem ähnlich gehypten Phänomen wie Kellys kryptischer Erstling Donnie Darko avancieren wird, ist eher unwahrscheinlich. Doch so sang- und klanglos untergehen wie der verkopft-prätentiöse Genre-Bastard Southland Tales wird der Film hoffentlich nicht. Denn Richard Kelly macht nach den Verirrungen seiner überambitionierten »schwarzen Komödie über das Ende der Welt« wieder einiges richtig.

Mit The Box widmet sich der Regisseur zum ersten Mal einem Stoff, der nicht vollständig aus seiner Feder stammt. Als Vorlage dient die Kurzgeschichte »Button, Button« des Fantasy- und Science Fiction-Autors Richard Matheson (»I am Legend«). Die Parabel über Gier, Schuld und auferlegte Sühne wurde bereits 1986 von Peter Medak in einer Twilight Zone-Folge verarbeitet. In Richard Kellys Drehbuch fungiert Mathesons zwölfseitige Vorlage als Startpunkt und moralischer Anker. Ein mysteriöser Mann macht dem Ehepaar Norma und Arthur Lewis ein unmoralisches Angebot. Wenn sie sich entscheiden, den Knopf einer in einer Box angebrachten Vorrichtung zu drücken, wird ein ihnen unbekannter Mensch sterben, und sie erhalten eine Million Dollar.

Das Angebot gilt für 24 Stunden. Danach wird die Box neu programmiert und einem anderen Paar angeboten. Da die finanzielle Lage der beiden angespannt ist, drückt Norma schließlich nach einer kurzen Diskussion mit ihrem Mann den Knopf. Am nächsten Tag erhalten sie einen Koffer mit Geld und das Versprechen, daß die Box nun an jemanden ausgehändigt wird, den sie garantiert nicht kennen…

Um Mathesons Kurzgeschichte zu erzählen, benötigt Kelly nicht viel länger als eine halbe Stunde. Eingebettet ist diese jedoch in einen völlig neuen Erzähl- und damit auch Genrerahmen. Um die Parabel mit Fantasyanleihen entwirft Richard Kelly einen Plot, mit dem er sich nicht nur durch das Jahrzehnt, in dem er ihn ansiedelt, vor den großen Science Fiction- und Paranoia-Thrillern der 1970er Jahre verbeugt. In seinen besten Momenten weiß The Box mit einer atmosphärischen Dichte zu überzeugen, die an Klassiker wie Philip Kaufmans Die Körperfresser kommen oder Sydney Pollacks Die drei Tage des Condor erinnert.

Atmosphäre ist bei Richard Kellys Filmen generell ein wichtiges Stichwort. Auch bei Donnie Darko sind es die suggestiven Bilder und der pointierte Einsatz von Pop- und Rocksongs, die den großen Reiz des Filmes ausmachen. Der eigentliche Zeitreise-/Paralleluniversum-Plot wird dabei in seiner entrückten Verklausuliertheit fast in den Hintergrund gedrängt. Und sogar Southland Tales vermag es zeitweise, im heterogenen Gewühl aus Pop, Kitsch, Ideologiekritik und Satire atmosphärische Highlights zu setzen.

Durch die Erweiterungen, die Kelly in seinem Drehbuch vorgenommen hat (etwa durch die Einführung des Sohnes von Norma und Arthur), ist es ihm möglich, ein neues Potential an Bedrohung für seine Protagonisten zu generieren. Und dieses nutzt er nahezu optimal aus. Insofern hat er die Vorlage genrespezifisch sinnvoll ergänzt. Leider geht dies in einigen Fällen auf Kosten der Glaubwürdigkeit, sowohl in Bezug auf die Motivation der Charaktere als auch die »wahren« Hintergründe der Geschehnisse betreffend. Kellys souveräne Inszenierung kann diese Schwächen jedoch weitestgehend überdecken.

Einige Fragen bleiben – wie auch in Kellys früheren Filmen – unbeantwortet. Und das wird so manchen verärgern. Ebenso wie der pessimistische Grundton des Films und das von ihm transportierte Frauenbild. Doch der Mut zur Leerstelle und Provokation scheint dem noch jungen Œuvre Kellys eingeschrieben zu sein wie das Faible für bestimmte Motive und Themen. Nach nur drei Filmen hat der Regisseur ein beachtliches Arsenal an idiosynkratischen Elementen »angehäuft«.

Kellys Filme greifen stets existentialistische Fragen auf und beschäftigen sich mit der Auslöschung der Menschheit, sei es durch den Kollaps des Universums oder durch eine fremde Macht. Es ist immer ein Einschlag, der die Geschehnisse in Gang bringt (in Donnie Darko ist es eine Flugzeugturbine, in Southland Tales der Einschlag einer Atombombe und in The Box ein Blitzeinschlag). Wasser oder eine wasserähnliche Flüssigkeit spielt eine wichtige Rolle. Bücher, Schemata und andere Darstellungen werden genutzt, um (pseudo-)wissenschaftliche Erklärungen für handlungstragende Ereignisse zu geben.

Darüber hinaus finden sich in Richard Kellys filmischem Universum popkulturelle Referenzen, undurchsichtige Behörden, ferngesteuerte Figuren, Portale in eine andere Zeit oder Welt und Charaktere, die am Auge verletzt werden bzw. das Augenlicht verlieren. Eine Liste von »Kellyismen«, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, die aber nahelegt, daß unabhängig von der Qualität der einzelnen Filme diesen eine verbindende Vision des Regisseurs zugrunde liegt.

Kellys Filme tragen durchweg eine markante Handschrift, die sich auch im inszenatorischen Bereich und im Umgang mit dem Soundtrack erkennen läßt. Mit The Box festigt Richard Kelly, nicht mehr ganz das Wunderkind aus Donnie Darko-Tagen, somit seinen Ruf als Auteur. Er inszeniert gradliniger und fokussierter und trotz einiger Schwächen im Drehbuch ungleich effektiver als bei Southland Tales, ohne dabei auf Reibungsflächen und Irritationsmomente zu verzichten.

The Box ist bei weitem kein Meisterwerk. Richard Kelly etabliert mit seiner Sci-Fi-Erweiterung der Kurzgeschichte einen Handlungshintergrund, der einen Vertrauensvorschuß beim Publikum einfordert, den er letztendlich nicht wirklich befriedigend belohnen kann. Doch wenn man über die logischen »Schlenker« des Skripts hinwegsieht und sich auf die Atmosphäre und die Antworten einläßt, die der Film auf die von ihm konstruierte moralische Zwickmühle gibt, kann The Box durchaus unterhalten – oder gar zum Nachdenken anregen. Und wer schon immer einmal wissen wollte, wie effektiv verstörend eine blutende Nase wirken kann, der kommt um den Film ohnehin nicht herum.

Die Extras auf der Blu-ray Disc fallen zwar nicht überwältigend üppig aus, geben jedoch einige informative Einblicke in die Entstehung des Films. Interessant ist dabei vor allem, daß Richard Kelly die eigene Familiengeschichte als Inspirationsquelle für die Familie Lewis genutzt hat. Auf eine äußerst unorthodoxe Weise setzt er somit seinen Eltern mit The Box ein filmisches Denkmal. 2010-04-06 14:49

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