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Nichts als die Wahrheit

Nothing But the Truth. USA 2009. R,B: Rod Lurie. K: Alik Sakharov. S: Sarah Boyd. P: Battleplan Productions, Yari Film Group. D: Kate Beckinsale, Matt Dillon, Vera Farmiga, Alan Alda, Angela Bassett, David Schwimmer u.a.
102 Min. Ascot Elite ab 18.2.10

Sp: Englisch, Deutsch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Making of, Interviews, Deleted Scenes, Featurette, Beim Dreh.

Das Gesetz des Schulhofs

Von Asokan Nirmalarajah »Du alte Petze!« hieß es damals noch auf dem Schulhof, wenn man sich als drangsalierter Schüler nicht selbst zur Wehr setzte, sondern sich an die nächste Autoritätsperson, an eine Lehrkraft wandte und das grobe Fehlverhalten eines Mitschülers meldete. Daß mit diesem ungeschriebenen, aber doch von allen Schulkameraden gewahrten Schweigegebot allerdings mehr den Druck ausübenden Tätern als den Druck ertragenden Opfern geholfen wurde, entzog sich in der Regel dem kindlichen Gerechtigkeitssinn. Eine solche Situation aus dem schulischen Mikrokosmos wird dem diskussionsfreudigen, schnörkellos erzählten Justizdrama Nothing But the Truth gleichnishaft – zumindest nimmt man das anfangs an – vorangestellt, um daraus ein abstrakteres Rechtsproblem abzuleiten, das dann in der Handlung des Films auf den nationalen Makrokosmos des amerikanischen Justizwesens reizvoll ausgeweitet wird. In dieser spannenden Konstellation ist es die skrupellosere Staatsmacht nach 9/11, der die Rolle des Schulhofsschlägers zukommt, und eine prinzipientreue Politjournalistin, die der Staatsgewalt standhalten muß. Es ist also wieder mal der im amerikanischen Kino so beliebte Kampf des kleinen David gegen den großen Goliath, wenn auch mit zwei feinen, aber entscheidenden Unterschieden: Zum einen handelt es sich diesmal um eine Frau, deren individuelle Entscheidungen die Handlung bestimmen, und zum anderen ist die moralische Wertung ihrer Entscheidungen gänzlich den Zuschauern überlassen.

Rod Lurie, der als ehemaliger Filmkritiker und Entertainment-Journalist Erfahrung in den Konferenzbüros von Tageszeitungen und Boulevard-Magazinen sammeln konnte, mag es als Regisseur und Drehbuchautor für gewöhnlich politisch, patriotisch und sentimental – meist auch in dieser Reihenfolge. Das pathetische, stark politisierte Gefängnisdrama The Last Castle, in dem sich ein inhaftierter US-General (Robert Redford) und ein despotischer Gefängniswärter (James Gandolfini) einen Privatkrieg um die amerikanische Flagge liefern, ist in dieser Beziehung geradezu exemplarisch. Was Luries schwerfällige, allzu predigende Produktionen aber nicht selten rettet sind seine starken, komplexen (Frauen-)Figuren. So schickte er bereits 2000 in dem Politdrama The Contender – lange bevor Hillary Clinton versuchte, nach der Macht zu greifen – Joan Allen in das Rennen um die Position des amerikanischen Vize-Präsidenten, um dann 2005 in der recht schnell abgesetzten Fernsehserie Commander in Chief Geena Davis nach dem Tod des amtierenden Präsidenten zur ersten Präsidentin der USA zu küren. So ist es auch nicht verwunderlich, daß Lurie sich für seinen etwas unorthodoxen »Frauenfilm« Nothing But the Truth von dem realen Fall der »New York Times« Journalistin Judith Miller inspirieren ließ, die Mitte 2005 für mehrere Monate inhaftiert wurde, weil sie sich entschieden weigerte, unter dem Druck einer Grand Jury den Namen einer Quelle freizugeben, die ihr die politisch hochbrisante Information über die wahre Identität von Valerie Plame, einer verdeckten CIA-Spionin und Botschafter-Gattin, anvertraut hatte.

Luries größtenteils fiktionalisierte Aufbereitung des Falls spitzt die Situation der Protagonistin allerdings noch weiter zu, indem sie sie mit den zunehmend tragischen und belastenden Konsequenzen ihrer sturen Prinzipientreue konfrontiert. Dem Film ist dabei hoch anzurechnen, daß er zu keiner Zeit eine klare Position zu seiner Hauptfigur bezieht, sondern sehr klar und in nüchternen, grauen Bildern davon erzählt, wie schnell man doch Opfer der Staatsgewalt werden kann, wenn man sich ihr nicht sofort beugt. Kate Beckinsale, die einstige Independent Schönheit, die sich in den letzten Jahren damit abgefunden zu haben schien, sich in engen Korsetts durch dunkle Korridore zu schießen (Underworld) oder als hübsches Beiwerk durchs Bild zu huschen (Click), wirft sich mit viel Energie in diese vielschichtige und nicht immer sympathische Hauptfigur, wird in ihren wenigen Szenen mit der unvergleichlich charismatischen Vera Farmiga – in einer etwas zu kleinen Nebenrolle als unterkühlte Spionin – aber in den Schatten gestellt. Beide Darstellerinnen spielen hier interessante Frauenfiguren, die sich als arbeitstätige Mütter innerhalb männlicher Domänen (Journalismus bzw. CIA und später dann auch vor Gericht und im Gefängnis) behaupten müssen und für ihre vermeintlich geschlechtsuntypische Kompromißlosigkeit von allen Seiten (nicht nur männlichen) Druck erfahren. Aus der grundsoliden Nebendarstellerriege können daneben noch Matt Dillon als sehr gewissenhafter Staatsanwalt und Alan Alda als überraschend verständnisvoller Verteidiger auf sich aufmerksam machen.

Im Gegensatz zur amerikanischen Ausgabe fehlt auf der deutschen DVD der Audiokommentar von Lurie und seinem Koproduzenten Marc Frydman. Dafür ist das Making-of enthalten, das aber zum großen Teil aus Filmszenen und On-Set-Interviews zusammengeschnipselt ist, die man sich auf der DVD auch separat anschauen kann. Entsprechend oft kann man sich von den Beteiligten die ewig selben Kommentare darüber anhören, wie toll sie sich alle untereinander am Set verstanden haben. Das konnte allerdings auch nichts daran ändern, daß die Produktionsfirma Yari Film Group 2008 Konkurs anmeldete und dadurch diesem sehenswerten Film keine vernünftige Kinoauswertung ermöglichen konnte. 2010-05-04 14:38
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