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Babylon

D 1991. R,B: Ralf Huettner. B: Andy T. Hoetzel. K: Diethard Prengel. S: Margarete Rose. M: Uli Kümpfel, Joe Mubare. D: Natja Brunckhorst, Veronica Ferres, Michael Greiling, Gerd Lohmeyer, Monika Manz, Dominic Raacke, Rolf Schimpf, Ditte Schupp u.a.
88 Min. Indigo ab 26.2.10

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: Englisch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Trailer, Interviews, Kurzfilm, Bildergallerie.

Traumstadt

Von Carsten Tritt Babylon ist nicht aus dem Nichts entstanden, schließlich gab es auch in den 1980ern mehrere Versuche in Deutschland, Mainstreamkino zu inszenieren, welches sich vor allem durch ein visuelles Konzept, durch Beleuchtung, Ausstattung und Kulissen auszeichnen sollte: Carl Schenkels klaustrophobischer Abwärts, weniger erfolgreich dann der kalte Zoning von Ulrich Krenkler, Eckhart Schmidts Neonnacht in Alpha City und Peter Patzaks schmieriger Killing Blue. Babylon ist also fast schon ein Nachzügler einer Reihe von Genreversuchen, die im Niemandsland zwischen Komödienkino und gealtertem Neuen Deutschen Film weder bei Publikum noch bei der Kritik auf sonderliche Gegenliebe stießen. Hinzu kommt bei Huettner noch ein phantastisches Element – im Bauche der Frauen, mit denen der von Dominik Raake erschreckend ekelhaft gespielte Lothar Sex hatte, wächst jenes Ungutes heran, das schon die ersten zwei Silben des Filmtitels andeuten.

Man sieht dem Film an, mit wie wenig Geld er gedreht wurde, und insbesondere bei den Dialogen hätte eine weitere Drehbuchüberarbeitung in Erwägung gezogen werden können. Aber letztlich kommt es bei den außergewöhnlichen Wegen, die Huettners Film nimmt, darauf auch gar nicht an; alles wird hier zum Teil eines visuellen Konzeptes, angefangen mit den rosa Kostümen der Krankenschwestern – und in Babylon gibt es viele Szenen mit Krankenschwestern – die mit ihren kurzen Röcken direkt aus einer Altherrenphantasie zu stammen scheinen, ohne tatsächlich einen Hauch von Erotik zu erzeugen; ebenso die Beleuchtung der Innenszenen, häufig in starken Kontrastfarben, und dennoch so unsauber, als hätte der Drehplan für eine wirkliche Feinabstimmung nie Zeit gelassen. Am deutlichsten zeigt sich der Reiz des Films sicherlich in den Szenen, in welchen Huettner das Wohnhaus seiner von Natja Brunkhorst gespielten Hauptprotagonistin Maria inszeniert, ein weißes Gebäude mit einer eindeutig als 80er-Jahre-Scheußlichkeit einzuordnenden Fassade, welches dennoch wie aus einer gotischen Horromär entliehen scheint, und spätestens wenn Raakes Lothar mit seinem notgeilen Gesichtsausdruck in einer billigen Disko direkt in die Kamera tanzt, wird er auch dem Zuschauer das Grausen lehren.

Bei der Deutlichkeit, in der sich der Film an ein Publikum richtet, das begriffen hat, daß es bei einem Film auf nichts so wenig ankommt wie auf das Drehbuch, wirkt es schon ironisch, wenn diese DVD unter einem Label erscheint, das sich »good movies« nennt. Immerhin war man dort noch fies genug, Veronika Ferres trotz ihrer eher kleinen Rolle als dritten Darsteller namentlich auf das DVD-Cover zu befördern. Huettner erzählt dazu im Bonusmaterial, daß die Ferres wohl nach Ende des Drehs nicht mehr richtig zu dem Film gestanden hat, zumal sie wohl zwischenzeitlich Helmut Dietl kennen gelernt und sich fortan in eine andere künstlerische Richtung orientiert hat. Es ist zwar fast auszuschließen, daß irgendjemand, dem Ferres letzte filmische Arbeiten gefallen haben, Babylon mögen wird, Schaden anrichten kann er aber bei dieser Zielgruppe vermutlich nicht. Ein richtiger Genuß wird Huettners Film jedoch sicher nur für ein deutlich abgeklärteres und abgehärtetes Publikum. Babylon ist ein mieser kleiner Drecksfilm, und das im besten Sinne des Wortes. 2010-06-03 15:54

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