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Mercenario – der Gefürchtete

Il mercenario. I/E 1968. R,B: Sergio Corbucci. B: Giorgio Arlorio, Adriano Bolzoni, Franco Solinas, Luciano Vincenzoni. K: Alejandro Ulloa. S: Eugenio Alabiso. M: Ennio Morricone, Bruno Nicolai. P: Produzioni Associate Delphos, Produzioni Europee Associati (PEA), Profilms 21. D: Franco Nero, Jack Palance, Tony Musante, Giovanna Ralli, Eduardo Fajardo, Álvaro de Luna, Raf Baldassarre, José Canalejas u.a.
102 Min. Koch Media ab 29.1.10

Sp: Deutsch, Englisch, Italienisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1:2.35 anamorph. Ex: Diverse Trailer, Exklusiv produziertes Featurette, Booklet, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial.

Aus den goldenen Tagen des italienischen Genrekinos

Von Marco Geßner 1968 war der Italo-Western auf seinem Höhepunkt angelangt; Sergio Leone schuf mit Spiel mir das Lied vom Tod sein epochales Glanzstück der Dekonstruktion des amerikanischen Gründermythos, das zugleich eine Verneigung davor darstellte – und es war das Jahr der nach Leone zweiten großen Genregröße Sergio Corbucci. Zum einen inszenierte er mit Leichen pflastern seinen Weg das radikalste Gegenstück des US-Westerns, in dem jeder Funken Menschlichkeit in der Kälte der verschneiten Landschaft der eisigen Rocky Mountains zu Eis gefroren ist. Nicht minder gelungen ist sein anderer Film aus diesem Jahr Mercenario – der Gefürchtete (auch als Die gefürchteten Zwei bekannt), der jedoch scheinbar immer etwas im Schatten seines »Schneewesterns« stand. Vielleicht ist auch die schlechte Verfügbarkeit des Films in der Vergangenheit ein Grund dafür. Bis auf den damaligen Kinoeinsatz und einige Fernsehausstrahlungen war Corbuccis Revolutionswestern auf dem Heimkinomarkt bisher weder als VHS noch DVD existent. Diese wichtige Lücke schließt nun Koch Media mit ihrer Veröffentlichung. Gelegenheit um zu begutachten, mit welcher Würde der Film gealtert, aber nicht verstaubt ist.

Der kleine Minenarbeiter Paco Roman (Tony Musante) zettelt einen erfolgreichen Aufstand gegen die Besitzer an und erklärt sich selbst zum Revolutionsführer. Da es sich mit der Revolution bekanntlich wie mit einem Fahrrad verhält, bittet er den polnischen Söldner Kowalski (Franco Nero) darum, Ideen zu liefern, die seine Anhängerschaft wie auch die finanziellen Rücklagen vergrößern. Doch die berechnende Habgier des kultivierten, manierierten Polen und der Idealismus, die naiven Vorstellungen von politischen und gesellschaftlichen Prozessen sowie die bäuerliche Einfachheit des Mexikaners stehen zusehends gegeneinander. Zudem hat der Minenbesitzer (Eduardo Fajardo) den Killer Ricciolo (Jack Palance) auf die beiden angesetzt und darf auf die Unterstützung der mexikanischen Regierungstruppen bauen.

Sergio Corbucci und sein Autor Luciano Vincenzoni bieten mit Mercenario eine gelungene Verbindung von Ernsthaftigkeit und Witz, gepaart mit einigen zarten politischen wie gesellschaftskritischen Ausspielungen. Hierbei wissen vor allem die Pointiertheit der Dialoge sowie der unterschwellige, hintergründige Zynismus der Hauptfiguren zu gefallen. In einer der einprägsamsten Szenen des Films erklärt Kowalski Paco das Wesen der Revolution anhand der Rückansicht einer im Bett schlafenden Frau. Die Darsteller erweisen sich in Spiellaune: Nero wahrt in seiner Verkörperung des Polen den Grad zwischen Überzeichnung und Karikatur, Musante gibt überzeugend den Revolutionsführer mit einer Mischung aus Impulsivität und Bauernschläue. Prägnant ist auch Jack Palance, der den Auftragskiller als schaurig-schleimiges, sadistisch-elegantes Scheusal interpretiert. Corbuccis Regie besitzt ein hervorragendes Timing, eine straffe Inszenierung sowie im Verbund mit Kameramann Alejandro Ulloa ein sicheres Gespür für gelungene Blickwinkel und Bildkompositionen. Die Musik stammt wenig überraschend von Ennio Morricone und schwelgt wie gewohnt hochqualitativ in melodiöser Sentimentalität, unterlegt mit ironischen Versatzstücken. Erwähnt werden muß noch die hervorragende zeitgenössische Synchronisation, die sich durch sehr gute Sprecherauswahl, Sprechleistung und Synchronbuch auszeichnet, welche den unterschwelligen Zynismus adäquat ins Deutsche transferiert und durch eine kluge Übersetzung abrundet. Mercenario – der Gefürchtete ist europäisches (Western)Kino wie aus einem Guß, eine spannende, witzige, kurzweilige und durchaus auch intelligente Angelegenheit aus den goldenen Tagen des italienischen Genrekinos.

Bild- und Tonqualität der DVD geben keinen Anlaß zur Kritik. Neben der deutschen Synchronisation gibt es die italienische wie englische Sprachfassung zur Auswahl. Als Bonus gibt es eine ansprechende gut dreiviertelstündige Dokumentation über den Film, in dem u.a. Franco Nero und Luciano Vincenzoni zu Wort kommen. Hinzu gesellen sich ein kurzer Vergleich der Drehorte aus damaliger und heutiger Sicht, der deutsche wie amerikanische Kinotrailer sowie ein 12-seitiges Booklet. 2010-06-08 14:04

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