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Mitfahrgelegenheit

D 2008. R,B: Alexander Schulz. K,S: Christian Abel. P: HiveX, Bewegende Bilder. D: Matthias Dietrich, Martin Kaps.
90 Min. Sunfilm ab 9.7.10

Sp: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: keine. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Making of, Trailer, Audiokommentar.

Lost in conclusion

Von Gerrit Booms 1, 2, 3, 4, 5. Frank macht Liegestütze vor der Tür eines Studentenwohnheims in Lyon. Das scheint sein Ritual zu sein, bevor er die Spanierin Mercedes wiedertrifft. Mit der hatte er zwei schöne Wochen in Deutschland, ehe sie plötzlich verschwand. Weil er dieses Zeichen nicht verstanden und obendrein das Auto seiner Eltern zu Schrott gefahren hat, nahm er sich eine Mitfahrgelegenheit zu ihrem Studienort nach Frankreich. Toms Wohnmobil hat ihn dorthin gebracht – und muß ihn nun nach Spanien weiterfahren. Denn Mercedes ist wohl nach Hause durchgereist. Die Fahrt bietet den beiden unterschiedlichen Männern genügend Zeit und Gelegenheit, sich ihr halbes Leben zu erzählen.

Es ist ein gängiges Muster: Junge deutsche Filmschaffende versuchen sich mit ihrem ersten Projekt an Roadmovies, an deren Ende der Reisende stets eine neue Erkenntnis über sein Leben gewinnt. Der Unterschied diesmal: Das junge Team wollte obendrein das Web 2.0 nutzen. Per Homepage wurden viele Schritte und Entscheidungen der Produktion mit den Internetusern geteilt. Insgesamt wurden dort 2.500 Kommentare und fast 14.000 Stimmen in Abstimmungen (um Schauspieler, Titelmotive und Drehbuchentscheidungen) abgegeben. Retten konnten sie das Projekt aber auch nicht. Denn alles in allem bleibt leider permanent zu sehen, daß Mitfahrgelegenheit studentisch ist. Ständig sind Schnitte, manchmal sogar Kommandos des Regisseurs zu sehen. Oft genug ist die Außenatmo dermaßen laut, daß der Dialog kaum zu verstehen ist – und hier und da liegen Audio- und Filmspur einfach gar nicht parallel. Viele Szenenübergänge sind mangels Dramaturgie einfach mit Musik gebaut. Und die Handkamera ist zwar ein gutes, weil involvierendes Element, dürfte aber auch gerne etwas präziser sein.

Neben all diesen technischen Mängeln hat Mitfahrgelegenheit aber vor allem ein großes Problem: das Drehbuch. Man bekommt es mit Figuren zu tun, die simpelste Klischees bedienen und erkennbare Motivationen vermissen lassen. Beide erklären sich zwar ständig, warum sie so sind, wie sie sind, und warum sie dort sind, wo sie sind; schlüssig wird es aber nie. Denn die eigentlichen Fragen beantwortet keiner von ihnen. Sie führen leere Gespräche und Diskussionen, tauschen Worthülsen und Allgemeinplätze aus. Den beiden Hauptdarstellern fällt es sichtlich schwer, Variationen für diese fortwährende Bewegungslosigkeit zu finden. Zumal sie keine dramaturgischen Wendungen an die Seite gestellt bekommen, die Motivationen begründen würden. Den wenigen Ereignissen, die das Drehbuch vorsieht, sieht man eher an, daß da noch jemand eine Idee hatte – vielleicht das Team, vielleicht die Internetgemeinde. So oder so handelt es sich meist um die erstbeste Idee.

Natürlich geht Frank und Tom irgendwann der Sprit aus. Natürlich läßt sich plötzlich der Schlüssel nicht finden. Natürlich hat einer von beiden die großen Lebensweisheiten parat. Natürlich streiten sie an einer Kreuzung um die richtige Richtung. Und weil es Film ist, werden die beiden auch trotzdem irgendwie die besten Freunde, die einfach nicht mehr ohneeinander können und wollen. Denn nur hier hält sich beharrlich die Auffassung, daß tumbe Streitereien zwei grundverschiedene Charaktere zusammenschweißen könnten. Und so paßt es nur zu gut, daß den Figuren in einer ihrer unzähligen Diskussionen der Ton abgedreht und ihr Streit von Musik überdeckt wird. Die Macher bewerben ihren Film mit der Behauptung, er wäre ganz nah am Leben. Das Gegenteil ist der Fall: Er wirkt hölzern, ideenlos und leer. Eine Nacht im Zelt ist spannender. 2010-07-13 15:25

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