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Antrage – Der Ameisenmann

The Antman. D 2002. R: Christoph Gampl. B: Marc Meyer. K: Alexander Fischerkoesen. S: Markus Schmidt. M: Ingo Frenzel. P: Cinemedia, Studio Babelsberg, TTD Checkpoint Berlin Filmproductions GmbH. D: Götz Otto, Yasmina Filali, Lars Rudolph, Elisabeth Volkmann, Gojko Mitic, Kecizate Atahuallpa Capac, Yony Loayza, Andres Sulca u.a.
94 Min. EuroVideo ab 12.8.10

Sp: Deutsch (DD 5.1.) Ut: keine. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Interviews, Making of, Audiokommentar mit dem Regisseur, Entfallene Szenen, Biographien der Schauspieler.

Die Kaktusblüte

Von Carsten Tritt Daß der Film Antman – nunmehr umgetitelt in Antrage – ebenso wie die anderen beiden Planet-B-Produktionen aus dem Jahr 2002 – tatsächlich und endlich auf DVD veröffentlich wird, ist durchaus eine größere Überraschung, und deshalb soll hier auch kurz auf die Vorgeschichte eingegangen werden: Kurz nach der Jahrtausendwende also hatte eine Gruppe von Produzenten die Idee, auch in Deutschland wieder Genrekino abseits vom dominierenden deutschen Komödien- oder Anspruchskino zu machen. Entstehen sollten insgesamt sechs Filme mit je 500.000 Euro Budget, alle schnell hintereinander abgedreht von jungen Regisseuren in Babelsberg, und – zur Kostenersparnis – insbesondere unter Verwendung von dem, was an Kulissen und Kostümen im Fundus des Babelsberger Studios sowieso schon vorhanden war. Da also bereits in der Planung nicht davon auszugehen war, daß die Ergebnisse dem Vergleich mit Hollywood-Blockbustern standhalten konnten, gab sich die Gruppe den Namen »Planet B«.

Nach drei fertigen Filmen – neben Antman bzw. -rage waren das Mask Under Mask, der jetzt auf DVD Mortal Beauty heißen wird, und Detective Lovelorn und die Rache des Pharaos, jetzt auf DVD ohne das Präfix »Detective« – war allerdings schon das Geld zuende. Und der Versuch, zumindest diese drei Filme ins Kino zu bringen, war zwar mit einer großen Marketingkampagne verbunden, ging aber trotzdem mächtig in die Hose: Zum einen wurden die drei Filme am gleichen Tag gestartet, so daß sie sich auch noch selbst Konkurrenz gemacht hätten, wenn denn jemand hätte reingehen wollen. Alle drei Filme wurden zudem mit demselben Trailer, noch schlimmer, mit demselben Plakat beworben, so daß das Multiplex-Publikum schon überfordert war, herauszufinden, ob das nun wirklich drei verschiedene Filme sein sollen, ebenso wie wohl auch das Multiplex-Personal. Zuletzt war es von vornherein eine merkwürdige Idee, sich als Zielgruppe für diese unsinnige Kampagne auch noch das Popcorn-Teenager-Publikum auszusuchen, um dann völlig verdutzt festzustellen, daß die doch lieber in Catch Me If You Can, Herr der Ringe II und selbst Ghost Ship rannten. Das Ergebnis waren eine finanzielle Pleite, Rechtechaos und die Vernichtung fast aller Filmkopien. Die ursprünglich bereits für 2004 geplante DVD-Veröffentlichung fiel dementsprechend aus, und eigentlich war zu vermuten, daß die drei Filme im Schrank eines Insolvenzverwalters ihre ewige Ruhe gefunden haben dürften.

Das wäre allerdings äußerst schade gewesen, denn die drei fertiggestellten Planet-B-Filme sind künsterisch allesamt ausgesprochen gelungen, und weil das auch die drei Regisseure und mit Tom Zickler zumindest einer der Produzenten meinte, ist es auf mysteriöse Weise nun doch zu einer DVD-Veröffentlichung gekommen.

Der beste aller drei Filme ist aber der Film, der also ab jetzt Antrage heißt. Wie der Titel schon andeutet, geht es um Ameisen, außerdem um den Ameisenmann, den ein geistig verwirrter Ameisenfreund, der sich Loco Satano nennt, zu erschaffen sucht, weil ihn der gewaltsame Tod seines Lieblingshundes traumatisiert hat, und seinen Bruder, den Nationalhelden Don Jose De Alvarez, der Loco Satano zu stoppen gedenkt.

Auch das verwaschene argentinische Nationaltrikot von der WM '86, daß eine Nebenfigur (im Abspann als »Maradonna« aufgeführt) trägt, mag nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir uns in einem abgeschiedenen Dorf im Mexiko der späten 1950er befinden, nachgebaut im Studio Babelsberg, und einzuordnen irgendwo zwischen Sergio Corbucci und Edgar Allen Poe. Und obwohl jeder der Beteiligten gewußt hat, was hier für ein Humbug verfilmt wird, haben alle das einzig richtige gemacht, nämlich alles konsequent todernst zu nehmen; schon das Drehbuch ist kein bloßer Rip-off von tausendfach Gesehenem, sondern entwickelt, streng die Grenzen des Genres achtend, eine eigenständige, durchaus originelle Geschichte und verweigert dabei sogar das Happy End zugunsten der großen Tragödie. Wie es sich für einen echten Exploitationfilm gehört, erleben wir unterbezahlte Darsteller, die jede Absurdität des Drehbuch mittragen, als spielten sie Shakespeare, allen voran die 2006 verstorbene Elisabeth Volkmann mit grandioser Gesangseinlage, ein erstaunlich guter Götz Otto in der Heldenrolle, Gojko Mitic mit seinem Ameisentanz und Lars Rudolph in seinem »Mein Ameisenmann«-Monolog, und das alles inszeniert von Christoph Gampl mit Hingabe und mit unerschütterlicher Liebe zum Detail. Spätestens, wenn dann noch der Studiohimmel gelb erleuchtet, bevor er wieder die Wildgänse am fernen Horizont ihre Bahnen ziehen läßt, wird offenbar, daß Antrage mehr ist, als ein einfacher B-Film, dies ist B-Oper.

Das Bonusmaterial der DVD hatte allerdings offensichtlich unter dem Vertriebsdesaster zu leiden: Größtenteil scheinen die Bonusfeatures die Produktionspleite nur als VHS-Kopie überlebt zu haben und werden daher in reduzierter Bildgröße, aber immer noch sichtlich schlechter Bildqualität präsentiert. Die Filmabtastung selbst liegt deutlich unter dem Stand der Technik heutiger Negativabtastungen, und wird High-Definition-Jünger sicherlich erschüttern, ist aber an sich für einen Film, der in staubiger mexikanischer Ödnis spielt, in Ordnung: da können ruhig mal ein paar Verschmutzungen auf der Kopie auftauchen, an einigen Stellen der Bildstand wackeln oder eine bereits in der Kinokopie vorhandene unsaubere Farbkorrektur auch nachträglich unbehoben geblieben sein. Trotz der kleinen technischen Mängel ist dringend zum Kauf der DVD zu raten, zumal es nicht wahrscheinlich scheint, daß Antrage in absehbarer Zeit erneut in besserer Qualität veröffentlicht wird, und es sich filmisch hier um einen herausragenden Glücksgriff handelt. 2010-08-16 12:48

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