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Die Regenschirme von Cherbourg

Les parapluies de Cherbourg. BRD/F 1963. R,B: Jacques Demy. K: Jean Rabier. S: Anne-Marie Cotret, Monique Teisseire. M: Michel Legrand. P: Parc Film, Madeleine Films, Beta Film. D: Catherine Deneuve, Nino Castelnuovo, Anne Vernon, Marc Michel, Ellen Farner, Mireille Perrey, Jean Champion, Pierre Caden u.a.
87 Min. Arthaus 19.8.10

Sp: Französisch (DD 1.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.66:1 anamorph. Ex: Dokumentation Die Welt ist ein Chanson – Das Universum des Jacques Demy, Booklet.

Ein Fest aus Musik und Farben

Von Esther Buss Wie bunte Kreise bewegen sich die roten, blauen, gelben und schwarzen Regenschirme (eine Gruppe von Nonnen) über das Kopfsteinpflaster. Der Vorspann ist eine schlichte Choreographie, gefilmt aus der Vogelsperspektive und eine charmante Hommage an Stanley Donens Singin' in the Rain. Mit Die Regenschirme von Cherbourg war es Jacques Demy erfolgreich gelungen, ein Genre, das zu dieser Zeit noch als rein amerikanisches galt und im übrigen von der Kritik nicht wirklich ernst genommen wurde, auf französische Verhältnisse zu übertragen. Für einen Filmemacher, der seine Laufbahn mit einer Dokumentation über Holzschuhmacher begann und die asketischen Werke eines Robert Bressons bewunderte, war das zumindest sehr ungewöhnlich. Doch mit den temperamentvollen Hollywood-Musicals hatte der zweite Teil der »Romantischen Trilogie« – zwischen Lola (1961) und Die Mädchen von Rochefort (1967) – dann doch nicht allzu viel gemein.

Der Film spielt in der Küstenstadt Cherbourg in der Normandie, es ist das Jahr 1957. Das Setting könnte nicht unglamouröser sein: eine Autowerkstatt. Gleich der eingehende Dialog zwischen dem Mechaniker Guy und einem Kunden wurde geträllert. »Ist der Wagen fertig?« – »Ja, aber der Motor stottert noch ein bißchen«. Jedes einzelne Wort in diesem Film wird gesungen, egal ob es sich um eine herzzerreißende Liebeserklärung handelt oder um eine banale Alltagsunterhaltung. Die Regenschirme von Cherbourg erzählt von Liebe und Abschied, von Sehnsucht, Warten und nicht Warten können. Geneviève, die Tochter einer Ladenbesitzerin für Regenschirme, liebt den Automechaniker Guy. Er wird in den Algerienkrieg eingezogen, das Paar muß sich trennen, es folgt eine lange und unglückliche Zeit des Wartens mit einem ernüchternden Ausgang. Die Klassenunterschiede stehen zwischen den Liebenden, aber es ist auch der von Demy explizit ausgesprochene Krieg, der im Jahr 1964 noch nicht offiziell »Krieg« genannt werden durfte. Die Musik sollte sich wie ein einziges Lied durch den Film ziehen, erzählt Demy in Agnès Vardas Die Welt ist ein Chanson – Das Universum des Jacques Demy (1995), einem »Spaziergang« durch die Welt seiner Filme. Und der Filmkomponist Michel Legrand erinnert sich, daß sie in die Partitur geschrieben hatten: »Erstes Taschentuch«, »Zweites Taschentuch« etc.

Die Regenschirme von Cherbourg ist ein Fest aus Musik und Farben. Die Figuren singen sich durch bunt gestaltete Räume, kräftiges Rot und Rosa, viel Blau und Grün, in jedem Zimmer eine neue Tapete, als Kontrast zur grauen Tristesse des Hafens. Und immer wieder die farbigen Regenschirme. Der mitreißende Gesang wirkt wie ein intensiver Geschmacksverstärker, er macht alles dramatischer, trauriger, euphorischer, beschwingter, lebhafter, blumiger, melancholischer. Danach kommt einem jedes gesprochene Wort unendlich trocken und fad vor. 2010-10-15 09:59

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