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Mike Leigh – Arthaus Close-Up

Life Is Sweet (GB 1990), Nackt (GB 1993), Lügen und Geheimnisse (F/GB 1996).
359 Min. Arthaus ab 15.7.10

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph, 1.85:1 anamorph. Ex: Kurzfilme Hello, Hello, Hello, The Short & Curlies, Fotogalerie, Presseheft (PDF), Trailer.

Die Selbstverständlichkeit des Strauchelns

Von Cornelis Hähnel Der britische Regisseur Mike Leigh ist wohl bereits mit allen Superlativen bedacht worden, die sich im Floskelkosmos finden lassen und auch die von ihm angewandte Improvisationsmethode ist nicht nur international gefeiert und adaptiert worden, sondern ist in ihrer (verbalen) Verbreitung – Stammhalter gleich – eben ständig an seinen Namen gekoppelt. Diese Lorbeeren scheinen berechtigt, nicht nur, da er der britische Regisseur mit den meisten Auszeichnungen ist. Und so wird jeder seiner neuen Filme mit Spannung erwartet und von den Kritikern mit einem Hauch von Demut gefeiert, zuletzt geschehen bei Another Year in Cannes – und ja, der ist auch wirklich wunderbar.

Zwar wird oft gesagt, Leigh würde mit den Jahren immer besser werden, doch das stimmt nicht so ganz, wenn man seine Filme aus den 1990er Jahren schaut: Die waren bereits ganz fabelhaft. Davon überzeugen kann man sich mithilfe der Mike Leigh DVD-Box aus der Arthaus »Collection British Cinema«. Neben Lügen und Geheimnisse und Nackt ist auch erstmals die Komödie Life is sweet dort auf DVD erhältlich.

Life is Sweet erzählt, wie so oft bei Leigh, aus dem Leben einer Familie der Arbeiterklasse, den so genannten »einfachen Leuten«, und das der Titel reine Ironie ist, versteht sich hier von selbst. Der Humor mag zwar komisch und bisweilen schräg sein, doch eine Bitterkeit ist permanent spürbar. Die aufgedrehten Eltern, ihr Versuch, den Schwierigkeiten des Alltags zu trotzen und ihre scheinbare Leichtigkeit des Lebens kollidiert nicht nur mit der Realität, sondern auch mit der Antihaltung (allem und jedem gegenüber) ihrer Tochter Nicola. Life is Sweet ist ein Paradebeispiel für die Humorebene von Leigh, die niemals nur ein Witz und ein Lacher ist, sondern einen Sinn für Tragik erkennen läßt und damit den moralischen Fingerzeig ersetzt.

Beinahe als direkte Kritik am England der Post-Thatcher-Ära mutet Nackt an, in dem der abgebrannte und desillusionierte Johnny sich zynisch durch Londons Nächte existenzphilosophiert. Alkohol, Sex, Dunkelheit und Aussichtslosigkeit prägen den Film; der ätzende Blick des Antihelden auf die Gesellschaft ist getrieben von einem tief verinnerlichten Nihilismus. Und auch wenn Johnny in einigen wenigen zwischenmenschlichen Beziehungen nach etwas Hoffnung sucht, erlischt das Gefühl sofort beim Blick auf die Realität, die ihm als bedrohlich und menschenfeindlich erscheint. In Cannes gab es 1993 für Leigh die Goldene Palme als Beste Regie, David Thewlis wurde als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Es ist wohl Leighs dunkelstes Werk, ein Nachtstück, ein Portrait eines Sinkenden – doch eben nicht das bitterste. In jedem seiner Filme wird die Liebe zu den Menschen erkennbar und er läßt keinen Zweifel daran, daß er ihre Probleme, in jeglichen Größenordnungen, ernstnimmt. Das Hadern, das Straucheln und das Schlingern, all das zeigt er als zutiefst menschliche Eigenschaften, die nicht als Fehler angeprangert werden. Denn das Leben ist oftmals unfair, und das macht Leigh ohne Suhlen in Vergeblichkeit klar.

In Lügen und Geheimnisse macht er die ständig wiederkehrenden Grundthemen seines Schaffens zum titelgebenden Dramaturgiepfeiler. Die junge farbige Hortense sucht ihre leibliche Mutter und findet die weiße, sozialschwache Cynthia; und die Enthüllung dieses Geheimnisses legt noch weitere familiäre Lügen bloß.

Gerade hier wird die Besonderheit von Leighs Improvisationsmethode deutlich, seine präzise Vorbereitung mit und sein massives Vertrauen in seine Schauspieler sind beeindruckend. Nicht alle Figuren sind über die komplette Handlungsentwicklung in Kenntnis gesetzt, oft kennen sie nur einzelne Teile. So ist die Szene, in der Hortense und Cynthia ihre Verwandtschaft erkennen einer der intensivsten Momente des Films, der minutenlang ohne einen einzigen Schnitt auskommt: tragisch und bewegend, direkt aus dem Moment geboren und dadurch stärker als jegliche klar geschliffenen Dialogzeilen. Und auch wenn viele Tränen fließen, kippt der Film nicht ins Rührselige, denn auch das ist der Verdienst von Leighs Arbeitsweise: die Balance zwischen Emotion und Inszenierung zu schaffen, eine Wirkung beim Zuschauer zu erzielen, ihn aber nicht damit zu erdrücken. Ihm ebenso Freiräume zu lassen, wie den Schauspielern, ihm einzig Momente zu zeigen, ohne Antworten liefern zu wollen.

Die in dieser Box versammelten Filme unterstreichen nicht nur die Relevanz Leighs für das britische, sondern auch für das internationale Kino, das in solch einem Realismus und mit einer so großen Portion Weisheit selten anzutreffen ist. 2010-11-15 09:51

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