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Rache für Jesse James – Edition Western-Legenden

The Return of Frank James. USA 1940. R: Fritz Lang. B: Sam Hellman. K: George Barnes, William v. Skall. S: Walter Thompson. M: David Buttolph. P: Twentieth Century Fox Film Corporation. D: Henry Fonda, Gene Tierney, Jackie Cooper, Henry Hull, John Carradine, J. Edward Bromberg, Donald Meek, Eddie Collins u.a.
89 Min. Koch Media ab 6.8.10

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.33:1. Ex: Booklet, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial.

Potato Fritz

Von Carsten Tritt Es gibt Regisseure, die es lieben, die Genrevorgaben Hollywoods als perfektes Gerüst eines eigenständigen Werkes zu nutzen, und andere, denen diese Spielregeln ein extremes Hindernis bei der Verwirklichung ihrer Ideen bleibt. Fritz Lang ist wohl in die letztere Kategorie einzuordnen. Ein solches Meisterwerk, das mit seinen besten deutschen Filmen mithalten könnte, ist ihm im amerikanischen Studiosystem nicht gelungen, und schon bei seinem ersten US-Film Blinde Wut fiel insbesondere das versöhnliche Ende als mißlungener Kompromiß auf.

Rache für Jesse James, Langs erster Western, die Fortsetzung zu Henry Kings Jesse James – Mann ohne Gesetz, ist ein großartiger Film, doch bei weitem nicht so konsequent, wie es Fritz Lang wohl bei völliger inszenatorischer Freiheit möglich gewesen wäre. Auch in Rache für Jesse James geht es um den Konflikt, entweder einer manipulierbaren Justiz zu vertrauen oder das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen, wie es der von Henry Ford gespielte Frank James beschließt, nachdem die Mörder seines Bruders straflos davon kommen sollen. Die Filmhandlung kreist um drei Gerichtsverfahren: Im ersten werden Jesse James’ Mörder zwar verurteilt, jedoch unmittelbar danach begnadigt; im zweiten wird der unschuldige Schwarze Pinky für ein Verbrechen zum Tode verurteilt, daß tatsächlich Frank James begangen hat, im letzten Verfahren, steht Frank James vor Gericht; Franks Gegner versuchen hier, auf das Verfahren einzuwirken, und ihm zusätzlich einen Mord anzuhängen, um ein Todesurteil zu erwirken, doch weil der mit Frank befreundete Verteidiger diese manipulativen Tricks noch besser beherrscht, steht am Ende ein ebenso fehlerhafter Freispruch des Protagonisten. Jedes der drei Gerichtsverfahren endet also konsequent mit einem Fehlurteil, und dennoch umgeht Fritz Langs Film letztlich den entscheidenden Konflikt; die Frage, ob der Protagonist seinen Plan der Selbstjustiz verwirklicht, wird ihm in letzter Minute einfach abgenommen; und vermutlich war dieses Ende tatsächlich der intelligenteste Weg, den Lang wählen konnte, ohne mit dem vorgegebenen Moralcode der Filmindustrie in Konflikt zu kommen.

Die Inszenierung selbst trägt eindeutig Langs Handschrift, vor allem seine ständige Arbeit mit Schatten, mit der er beweist, daß auch Technicolor nicht ganz auf Expressionismus verzichten muß, während die actiongeladene Verfolgungsjagd auf Pferden fast das Bildfeld zu sprengen droht. Eine interessante Rolle spielt zudem die Figur des Pinky. Am Anfang des Films häufig präsent ist Pinky eine typische »Negerfigur« im Hollywoodfilm seiner Zeit: Intellektuell stark beschränkt, komplett asexuell, und treu ergeben nur das Wohl seines Herren im Sinn habend: Wenn es Frank James gut geht, dann ist auch Pinky glücklich. In der zweiten Hälfte des Films wird Pinkys Schicksal zu einem wesentlichen Handlungsmotiv, als er zu Unrecht zum Tode verurteilt wird, was seitens der Antagonisten offenbar als taktischer Angriff gegen Frank James gesehen wird; und tatsächlich ist Frank letztlich bereit, sich zu stellen, und sowohl seine Rachepläne als auch sich selbst zu opfern, um den unschuldigen Schwarzen zu retten – zum völligen Unverständnis seines Co-Helden Clem übrigens, der es für völlig idiotisch hält, einem »Darky« solche Bedeutung zukommen zu lassen. Gleichzeitig aber, obwohl es zum wesentlichen Handlungsmotiv des Protagonisten wird, findet Pinkys komplettes Schicksal im Off statt: Weder wird der Prozeß gegen Pinky gezeigt – Frank erfährt hierüber nur durch Zeitungsberichte – noch Pinkys Entlassung, nachdem sich Frank gestellt und Pinkys Unschuld bewiesen hat; tatsächlich ist Pinky selbst in der zweiten Hälfte des Films nicht einmal im Bild zu sehen. Der Verdacht liegt nicht fern, daß auch dies als subtile Kritik Fritz Langs am Umgang mit Schwarzen in den USA zu verstehen ist; Gerüchten zufolge soll Lang schon in Blinde Wut geplant haben, die Rolle des vom Lynchmob Verfolgten, die schließlich Spencer Tracy übernommen hat, von einem Schwarzen spielen zu lassen, ist aber damit – wenig überraschend – nicht beim Studio durchgekommen. Die Opferbereitschaft Frank James’ gerade für seinen schwarzen Freund bei gleichzeitiger auffälliger Abwesenheit dieses zu Filmbeginn ja präsenten Protagonisten kann somit auch als Abschied an ein System erkannt werden, für welches eine Darstellung von Schwarzen in einer Filmhandlung jenseits eines fröhlich herumhüpfenden »Glücksnegers« à la Uncle Remus nicht vorstellbar war.

Eine Skurrilität ergibt sich noch in den auf der DVD enthaltenen deutschen Synchronfassungen: Die Kinosynchronisation der deutschen Uraufführung von 1952 ist offenbar verschollen und daher nicht enthalten, stattdessen bietet die DVD zwei recht ordentliche berliner Fernsehsynchronisationen. Die erste stammt von 1972, mit Jürgen Thormann als Sprecher für Henry Fondas Rolle und wurde augenscheinlich für das ZDF erstellt; die zweite stammt aus den 1980er Jahren, diesmal mit Randolf Kronberg, für die ARD. Da waren also offenbar noch ein paar GEZ-Gebühren übrig, um denselben Film gleich zweimal übersetzen zu lassen, statt einfach die Tonspuren zwischen den Sendern auszutauschen. Daran, daß die ARD von der ZDF-Synchro nichts wußte, kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn beide Fassungen beruhen auf dem gleichen Synchronbuch, und wurden offenbar im selben Synchronstudio erstellt. Es ergibt sich somit die nicht uninteressante Merkwürdigkeit, daß verschiedene Sprecher exakt dieselben Dialoge sprechen; spontane Änderungen bei der Aufnahme gab es nur in ganz wenigen Fällen. Im ganzen sind die beiden deutschen Fassungen somit sehr ähnlich, auch wenn sich im Detail in der Interpretation der Rollen einige feine Unterschiede ergeben, wobei insgesamt die 1972er Fassung mit Thormann etwas gelungener wirkt. 2010-11-19 09:22

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