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Mahler auf der Couch

D/A 2010. R,B: Percy Adlon, Felix O. Adlon. K: Benedict Neuenfels. S: Jochen Künstler. M: Gustav Mahler. P: pelemele Film, Cult Filmproduktion. D: Johannes Silberschneider, Barbara Romaner, Karl Markovics, Eva Mattes, Lena Stolze, Friedrich Mücke, Nina Berten, Mathias Franz Stein u.a.
97 Min. Arthaus ab 20.1.11

Sp: Deutsch (DD 5.1). Ut: Deutsch für Hörgeschädigte. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Musik machen mit Esa-Pekka Salonen, Exklusives Booklet von Percy Adlon, Fotos von den Dreharbeiten, Interview mit Johannes Silberschneider, Presseheft (PDF), Hörfilmfassung für Sehbehinderte, Trailer.

Alma zwischen den Stühlen

Von David J. Lensing Das Unterbewußte ist viel moralischer, als das Bewußte wahrhaben will. Deshalb die Frage nach der Schuld. Sigi stellt sie immer wieder, doch Gustl bleibt hartnäckig. Denn es geht nicht um die Schuld seiner Frau an dem Scheitern ihrer Liebe, sondern um seine eigene Schuld daran. Mit einem ungläubigen Lachen, einer Mischung aus Schreck und Empörung, reagiert Gustl, erstmals mit dieser dreisten Frage konfrontiert. Doch wie so viele Mauern, die er um sich errichtet hat, soll auch diese bei der Vermessung des Eisbergs überwunden werden. Gustl, das ist Gustav Mahler, einer der berühmtesten Dirigenten seiner Zeit und – im Zuge rasender Eifersucht – Entdecker seines Über-Ichs. Sigi, das ist Sigmund Freud, sein Reiseführer.

Ohne diese schillernden Persönlichkeiten lieferte die Geschichte rund um das narzisstische Musikgenie, die bezaubernde Muse und den leidenschaftlichen Liebhaber bestenfalls Stoff für eine 08/15-RomCom. Doch das Vater-Sohn-Gespann auf dem Regiestuhl verwandelt dieses historisch verankerte Melodram in eine quasi-dokumentarische, traumhaft fotographierte, mit präzisen Rückblenden gespickte Sitzung, bei der die titelgebende Couch erst ziemlich spät zum Einsatz kommt. Deren Anblick nämlich – es handelt sich wohlgemerkt um ein dürftiges Klappbettgestell mit dünner Matratze – gibt Mahler den Rest, und sein Vorsatz, den Psychiater mit seinen Problemen zu behelligen, schlägt um in einen Fluchtgedanken, der Mahler hinaus an die frische Luft treibt, dicht gefolgt von Freud. Hier beginnt der Spaziergang, an einem Augustnachmittag 1910 durch das niederländische Leiden, wo offenbar der Hund begraben ist. Dieser Spaziergang ist belegt, deshalb der Hinweis: »Daß es geschah, ist verbürgt. Wie es geschehen ist, haben wir erfunden.« Wir, das sind der deutsche Regisseur Percy Adlon und sein Sohn Felix, denen es gelang, einer recht uninteressanten, weil gewöhnlichen Geschichte spannende Facetten abzugewinnen. Das liegt wohl daran, daß das Duo die Beziehung zwischen Gustav Mahler und seiner 19 Jahre jüngeren Frau Alma – insbesondere den absurden Zufall, daß ein Brief von Almas Liebhaber versehentlich an Mahler adressiert war und das emotionale Drama erst auslöste – ganz und gar nicht uninteressant fanden. Wie es in Mahler auf der Couch ausgesprochen wird: Es gibt kein objektives Urteil. Dieser Tatsache haben wir zu verdanken, daß Gustav Mahler – übrigens exakt zu dessen 150. Geburtstag (der Film lief am 07. Juli 2010 an) – dieser Film gewidmet wurde. Das Ergebnis ist bedingt empfehlenswert.

Wer genug Hintergrundwissen mitbringt, um sich wie bei der Adaption eines Buches mit der künstlerischen Umsetzung des Zusammentreffens Mahler/Freud und vor allem mit der Konstellation Mahler/Alma auseinanderzusetzen, wird mit der berauschenden Auferstehung historischer Figuren belohnt: Vor allem Barbara Romaner als Alma liefert eine überzeugende Performance ab. Ihr charismatisches Auftreten verinnerlicht jede Rolle, die zu spielen Mahler ihr aufträgt: Romaner ist die Gefährtin, Haushälterin, Geliebte, Mutter, Dienerin, die Selbstaufgabe und Emanzipation in einer Person. Die Adlons haben die bis dato kinounerfahrene Schauspielerin beim Münchner Volkstheater entdeckt – amüsanterweise in dem gleichen Stück, in dem Johannes Silberschneider (alias Gustav Mahler) die Hauptrolle spielte. Und auch Friedrich Mücke, der später Almas Geliebten, den Architekten Walter Gropius, spielte, stand auf dieser Bühne: Drei Fliegen mit einer Klappe. Neben Almas innerer Zerrissenheit, mit der sie streckenweise wirklich allen die Show stiehlt, ist der Look des Films ein weiterer Hingucker. Gerade für diejenigen, die der Story wenig abgewinnen können. Die Kamera von Benedict Neuenfels ist nah dran und besticht durch extreme Tiefenunschärfe gepaart mit sehenswerten Licht- und Farbspielen. Dieser romantische-traumhafte Blick lenkt zuweilen von dem Gespräch zwischen Psychiater und Patient ab, doch das stört kaum.

Nicht unerwähnt bleiben darf ein mit erstaunlicher Lässigkeit eingebrachtes Stilmittel: Hin und wieder lösen sich Figuren aus der Handlung des Films und erzählen direkt in die Kamera zum Zuschauer Anekdoten über ihren Mitmenschen Gustav Mahler. So kommt mal die Schwiegermutter, mal die Schwester, der Künstler Gustav Klimt oder gar Freud selbst zu Wort, nachdem er Mahler mit dem Gedanken provoziert hat, daß der wesentlich jüngere Gropius für Alma die bessere Wahl wäre. Mahler stürmt erbost aus dem Zimmer und Freud bemerkt augenzwinkert Richtung Publikum: »Das Gestein kommt in Bewegung.« Bis es dann aber wieder zur Ruhe kommt, bedarf es einiger Zeit und Überwindung. Denn erst wenn man jemandem alles verziehen hat, ist man mit ihm fertig – und sei dieser Jemand man selbst. 2011-03-04 09:04

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