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Sommer der Liebe

D 1992. R,B,K,S: Wenzel Storch. K,S,D: Frank Peters, Alexandra Schwarzt u.a. M: Diet Schütte. K,S,M: Iko Schütte. D: Jürgen Höhne, Fritzi Korr u.a.
84 Min. Cinema Surreal ab 24.1.11

Sp: Deutsch. Ut: keine. Bf: 1.33:1. Ex: Booklet, Making of, geschnittene Szenen, Interview, Musikvideo Altes Arschloch Liebe.

Analoge Träume

Von Carsten Tritt Lange bevor Wenzel Storch in Die Reise ins Glück sich visuelle Inspirationen aus den Petzi-Büchern holte, widmete er sich im Sommer der Liebe der frühen Hippiebewegung, natürlich nicht naturalistisch, sondern orientiert an die mediale Übersetzung, in welcher dem 1961 geborenen Storch seinerzeit durch Jugendmagazine der bunte wie langhaarige Revolutionsgeist jener Tage vermittelt wurde. Die Kostüme und Kulissen richten sich nach zeitgenössischen Modekatalogen, die Frisuren an Gitarristen auf Zeitschriftenpostern, und die Dialoge orientieren sich an Fotocomics und Werbeanzeigen. Folglich erscheint auf dem Kumpelofen im Kloster das Antlitz Wim Thoelkes, und der Triebtäter verkauft primärfarbige Popwurst Fritzi, benannt nach der unvorsichtigen Anhalterin, aus der sie hergestellt wurde.

Sommer der Liebe wurde stumm auf Super 8 gedreht, in der zum Studio umgebastelten Behausung des Regisseurs und dem näheren Umland mit Sachen und schauspielenden Laien, die in der Behausung bzw. dem näheren Umland aufgefunden wurden, ergänzt um vom Regisseur selbstgebastelte Trickanimationen. Mit den knarzenden Improvisationswerkzeugen des Punk inszeniert Storch somit seinen filmischen LSD-Trip, und obwohl die verwendete Technik somit eigentlich dem beabsichtigten Inhalt nicht angemessen scheinen dürfte, ja somit quasi reaktionär eingesetzt wird, ist das Ergebnis doch wunderbar. Das Grobkörnige paßt zum Bunten, und die zusätzliche Verfremdung durch die auf dem Bauernhof gefertigte Nachsynchronisation gereicht den weltvergessenen Dialogen sogar zu noch obskureren Höhen. Was Storch da macht, ist alles andere als Dilettantismus, zu dem allenfalls eine optische Ähnlichkeit besteht. Es ist vielmehr eine nie langweilig werdende, eigenständige Welt, die aus zahlreichen Einflüssen vergangener Popkultur nachgestellt wird und glaubhaft vermittelt, daß sie so oder so ähnlich tatsächlich im zugegeben verhaltensoriginellem Gehirn des Regisseurs existieren könnte.

Da, wie Wenzel Storchs auch andere Werke nahelegen, der Regisseur seine Veranlagung zum nimmermüden Basteln auslebt, ist nicht überraschend, daß die Doppel-DVD ausreichend mit umfangreichem Begleitmaterial, darunter sowas ähnliches wie ein Making of, versehen ist, welches zu weiten Teilen auch wertvollen ergänzenden Kommentar zum Filmwerk liefert, sowie auch die DVD-Verpackung nebst Booklet sich augenscheinlich in das Gesamtkunstwerk einzuordnen hatten. Neben diesem direkt dem Film zuarbeitendem Bonusmaterial ist allerdings das Musikvideo »Altes Arschloch Liebe«, welches Storch für den beliebten Schlagersänger Bela B. inszeniert hat, hervorzuheben. »Altes Arschloch Liebe« stellt ein Meisterwerk der Musikvideokunst dar, indem es die Musik und den Text nicht nur begleitet. In seiner collagenartigen Einrichtung aus mehreren Elementen, darunter grandiosem Found Footage, schafft Storch es vielmehr, der Rhytmik und Dynamik der musikalischen Komposition eine weitere visuelle Ebene hinzuzufügen, und zudem die textliche Ebene noch durch weitere stets perfekt gewählte Assoziationen ganz wesentlich zu vertiefen. Mag »Altes Arschloch Liebe« auf der Audioebene ein ordentliches Lied gewesen sein, ist es als Musikvideo ein herausragender Genuß, und erneuter Beweis für Storchs auch über die reine Improvisationskunst hinausgehende Fähigkeiten. 2011-03-23 09:26

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