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Buried – Lebend begraben

Buried. E/USA/F 2010. R,S: Rodrigo Cortés. B: Chris Sparling. K: Eduard Grau. M: Víctor Reyes. P: Versus Entertainment, The Safran Company, Dark Trick Films, Studio 37. D: Ryan Reynolds, José Luis García Pérez, Robert Paterson, Stephen Tobolowsky, Samantha Mathis, Ivana Miño, Warner Loughlin, Erik Palladino u.a.
93 Min. Ascot Elite ab 12.4.11

Sp: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Originaltrailer, Trailershow.

Kiste zu, Affe tot

Von David J. Lensing Die Frage, welchen Tod zu sterben man am ehesten bereit wäre, hat sich wohl jeder schon gestellt. Es ist das Abwägen von Heftigkeit und Dauer der Schmerzen, das ein Projektil gegenüber einem Messer sympathisch macht. Oder einen Sturz vom Dach gegenüber einem Tod in den Flammen. Hauptsache, man ist tatsächlich tot, wenn man schließlich in einer Kiste unter der Erde landet. Denn so gewaltig die Bandbreite vorstellbarer Sterbeszenarien auch ist: »Lebendig begraben zu werden, ist ohne Frage die grauenvollste aller Martern, die je dem Sterblichen beschieden wurde.« Altmeister Edgar Allan Poe muß es wissen – er hat sich in seinem literarischen Werk mit jeglichen menschlichen Urängsten beschäftigt und von zahlreichen Fällen berichtet, in denen Totgeglaubte in ihren Gräbern erwachten. Grausige Vorstellung.

In dem ausgesprochen konkret betitelten Buried – Lebend begraben kann von totgeglaubt keine Rede sein: Paul Conroy alias Ryan Reynolds wurde mit voller Absicht lebendig begraben. Die Umstände sind weniger Thema als Katalysator des Films und bedürfen keiner weiteren Erläuterung. Es geht um einen Mann, der ohne die grausame Lehre des Pai Mei einen Weg aus seinem Grab sucht. Die Requisite beschränkt sich im Wesentlichen auf ein Feuerzeug, einen Flachmann, ein Taschenmesser und ein Handy. Letzteres dient als einziger Kontakt zur Außenwelt, die in aller Konsequenz nur zu hören, nie zu sehen ist. Der spanische Regisseur Rodrigo Cortés präsentiert keine Mogelpackung á la Schumachers Nicht auflegen!, der sich damit brüstet, ausschließlich eine Telefonzelle als Schauplatz zu wählen, und tatsächlich einen ganzen Straßenblock in Beschlag nimmt. Buried hingegen spielt sich über anderthalb Stunden ohne Splitscreen oder ähnliche inszenatorische Kniffe in einem Sarg ab. Zwar läßt dieser dank seiner Größe etwas mehr Bewegungsspielraum zu, als handelsübliche Särge, aber Kiste bleibt Kiste. Ein streng limitiertes Konzept, das nur auf Grundlage eines ideenreichen Drehbuchs und der überzeugenden Performance des Schauspielers aufgehen kann.

Wem möchte man schon über 90 Minuten hinweg beim widerwilligen Dahinsiechen zuschauen? Gefragt ist ein Jedermann, der gerade so sympathisch ist, daß der Zuschauer nicht das Interesse verliert, und gerade so verbissen, daß Selbstaufgabe keine Option ist. Gefragt ist weder ein Held, der bloß Bewunderung zuläßt, noch ein Opfer, das nur Mitleid heraufbeschwört. Mit Ryan Reynolds wurde der richtige Mann für diese Aufgabe gefunden. Als Lastkraftwagenfahrer und Familienvater Paul mit Dreitagebart und T-Shirt weckt er genug Anteilnahme beim breiten Publikum, verhält sich weder übermäßig clever noch dumm und liefert ein rundum glaubwürdiges Schauspiel. Autor Chris Sparling räumt dem Protagonisten seines klaustrophobischen Albtraums die ganze Bandbreite emotionaler Zustände ein: Reynolds gibt sich verzweifelt, wütend, kämpferisch, schwarzhumorig, fluchend, heulend und führt, dem Drehbuch sei Dank, keine künstlichen Selbstgespräche. Trotzdem würde die Geschichte wunderbar als Hörbuch funktionieren und womöglich eine umso heftigere Wirkung entfalten – ganz wie Poes Kurzgeschichten. Das Bild ersetzt die eigene Vorstellung erst und macht aus der persönlichen Erfahrung die des Mannes auf der Leinwand.

Kameramann Eduard Grau hat zudem keine andere Wahl, als mit dem Schauspieler auf Tuchfühlung zu bleiben. Der stark eingeschränkte Raum raubt ihm die gestalterische Freiheit – sollte man meinen. Stattdessen zeigt sich in Buried wieder einmal, daß ein kreativer Kopf Grenzen nicht meidet, sondern als Rahmen für sein Werk betrachtet. Grau lichtet den Sarg auf jede denkbare Weise ab. Er weidet sich regelrecht am morbiden Setting und lässt kein Detail außer Acht. Jeder Kratzer im Holz hat in diesem Film seine lebenswichtige Bedeutung. So werden die 90 Minuten six feet under auch visuell nicht langweilig: Selbst wenn die bombastische PR-Kampagne hinter dem Projekt die Erwartungen in sphärische Höhen schraubt, ist Buried ein durchaus sehenswerter, weil spannender und wirkungsvoller Film. Lediglich der tierische Gastauftritt zeugt von einer unterschwelligen und letztlich unnötigen Angst, die Geschichte mit Schauwerten spicken zu müssen, um den Zuschauer bei der Stange zu halten. 2011-04-29 09:43

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