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The Battle Wizard – Das Blut der roten Python

Tian long ba bu. HK 1977. R: Pao Hsueh-li. B: Ni Kuang. K: Yuen Teng-bong. S: Chiang Hsing-lung. M: Frankie Chan. P: Shaw Brothers. D: Tien Lung Chen, Han Chiang, Tao Chiang, Lu Chin, Norman Chu, Ping Ha, Li Jen Ho, Teresa Hsia Ping u.a.
72 Min. Rapid Eye Movies ab 18.3.11

Sp: Mandarin (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph . Ex: Kinotrailer.

Neue Abenteuer auf Terra

Von Carsten Tritt Während der redaktionsinternen Weihnachtsfeier 2004 gab es einige Unstimmigkeiten, und zwar wegen einer – wie ich finde – eigentlich ausgesprochen gelungenen Rezension, die Kollege Warnecke (ansonsten spezialisiert auf Éric Rohmer und Konsorten) kurz zuvor zu House of Flying Daggers verfaßt hatte und die bei Teilen der Asia-Fraktion unserer Zeitschrift aber ganz und gar nicht gut ankam – besonders die von Warnecke gezogenen Parallelen des Zhang Yimou-Films zu Schlupp vom grünen Stern schienen nicht auf übermäßige Begeisterung zu stoßen. Es begann eine längere Diskussion, an welcher ich zugegebenermaßen nicht ganz unbeteiligt war, zumal es mir so schien, als wolle man uns hier ein »U« für ein »E« vormachen. Doch selbst ständiger konsequenter Rotweinkonsum führte nicht zur Optimierung der Argumentationslinien, und als schließlich die Gegenseite darauf beharrte, die Mad Mission-Reihe politisch korrekt mit Aces Go Places zu titulieren, mußte der Versuch, hier einen gemeinsamen Standpunkt zu finden, endgültig als gescheitert betrachtet werden. Wenn ich mich Recht erinnere, ging man dann dazu über, einen zwischenzeitlich eingeschlafenen Ressortleiter festlich als Weihnachtsbaum zu dekorieren.

Jedenfalls ist mir dieser Vorfall anläßlich der DVD-Veröffentlichung von Das Blut der roten Python (politisch korrekt: The Battle Wizard) wieder eingefallen. Denn auch hier bedarf es zum Verständnis des Geschehens eines tieferen Verständnisses der chinesischen Kultur. Das Blut der roten Python basiert nämlich auf einem vermutlich bedeutsamen Roman von Jin Yong, dessen Titel von der englischen Wikipedia mit »Demi-Gods and Semi-Devils« übersetzt wird, und der auf einer im buddhistischen Weltbild angelegten Lehre von nicht-menschlichen Halbgöttern beruhen soll. Wenn man der englischen Wikipedia hier weiter vertrauen kann, gibt es inzwischen drei Kinoverfilmungen und vier Fernsehserien zu diesem äußerst komplexen Stoff, Das Blut der roten Python war davon die erste Fassung.

Nun fragt sich der geneigte Leser sicherlich: Wie konnte es Regisseur Pao Hsueh-li schaffen, einen dergestalt komplexen Stoff in nur knapp 70 Filmminuten zu packen? Die Antwort liegt dabei doch auf der Hand: Er hat es nicht geschafft. Zwar räume ich reumütig ein, »Demi-Gods and Semi-Devils« bis heute noch nicht gelesen zu haben, jedoch wäre ich erstaunt, wenn dem Buch eine solche Bedeutung zukäme, wenn die Handlung auch dort so dahinholperte und auch noch plötzlich aus dem Nichts neue Figuren auftauchen, ohne daß klar wird, was die bereits vorhandenen Charaktere überhaupt zur Geschichte beizutragen haben.

Wenn man erst mal eine unnötige Erfurcht vor der asiatischen Kultur abgelegt hat, kann man auch einräumen, daß dieser Kappes letztlich auch völlig egal ist. Gleich zu Beginn befinden wir uns jedenfalls in einem typischen Hongkong-Klopper der 1970er Jahre, in der ersten Einstellung sind wir bei einem Liebespaar. Sie sagt ihm, daß sie schwanger ist; er fragt sie, was ihr Mann dazu meint. Und einen Moment später ist er schon da, der Mann, und konfrontiert seinen Nebenbuhler. Der richtet seinen rechten Zeigefinger auf den Herrn Gemahl, dann schießt direkt aus dem Finger ein roter Laserstrahl heraus, und der Zuschauer ahnt, daß sich das doch ein wenig anders entwickelt als der typische Hongkong-Klopper der 1970er Jahre.

Ob Das Blut der roten Python in irgendeiner Hinsicht vor einem chinesischen Kulturhintergrund Sinn ergibt, mag dabei völlig dahinstehen. Jedenfalls macht es vor einem europäischen Kulturhintergrund herrlichen Unsinn, und wer es für Kulturbolschewismus hält, sich hierbei großartig zu amüsieren, kann sich ja von mir aus damit trösten, daß das Werk doch als Romanverfilmung sowieso gescheitert zu sein scheint. Dafür gibt es richtig großartige Kämpfe mit Laserstrahlen und bunten Kraftfeldern. Es gibt passend zur Python, die im Original gegebenenfalls auch ein Drache gewesen sein könnte, und uns natürlich gleich an Monty Python denken läßt, auch den knusprigen Frosch, der nach dem Aufessen Riesenkräfte verleiht. Plötzlich, mitten im Film, kommen zudem die Bösewichte auf die Idee, den Protagonisten einem zuvor nicht mal erwähnten Gorilla vorzuwerfen. Es gibt phantasievolle Abgänge, einer der Antagonisten schmilzt zum Beispiel, was im prädigitalen Zeitalter natürlich noch richtig schön mit Wachs und Farbe in Szene gesetzt wurde. Es ist zudem erstaunlich, wie sich auch für den westlichen Betrachter die Anknüpfungspunkte im Laufe der Zeit ändern: Muß dieser Mann im Hummerkostüm, der dauernd durch das Bild rennt und versucht, alle umzubringen, zum Beispiel auf die ursprünglichen Rezipienten des Films noch völlig absurd gewirkt haben, erscheint dies nach Einführung von Figuren wie Mr. Krabs aus Spongebob Schwammkopf oder Dr. Zoidberg aus Futurama als eigentlich ganz logisch.

Somit ist letztlich Das Blut der roten Python ein rundum gelungener Film; vor allem: Immer passiert etwas, nie wird es langweilig, und der Zuschauer ist ständig gefordert, in dem Gezeigten irgendeinen Sinnzusammenhang zu erkennen.

Nicht ganz so gelungen ist leider die DVD-Veröffentlichung. Das Bildmaster stammt augenscheinlich vom Hongkonger Rechtehändler Celestial Pictures und ist zwar nach der Restauration glasklar, allerdings orientiert sich die durchgeführte Farbkorrektur eher an heutigen Sehgewohnheiten denn an einem historisch authentischen Bild. Noch ärgerlicher ist jedoch das durchgeführte Frame Cutting, d. h. um bei der Restauration zu sparen wurden auffällig verschmutzte Einzelbilder nicht immer restauriert, sondern einfach entfernt, was insbesondere häufig kurz vor Bildschnitten relevant ist. Dies fällt bei längeren Einstellungen faktisch kaum auf, hat aber bei den schnell geschnittenen Kampfszenen schon eine erkennbare Holprigkeit zu Folge. Der Umfang dieser Frame Cuts wird deutlich, wenn man sich vergewissert, daß die aktuelle, ungekürzte Veröffentlichung von REM letztlich sogar gut drei Minuten kürzer ist als die sogar mit ein paar kurzen Gewaltschnitten versehene alte deutsche Videofassung. Ebenso bedauerlich ist, daß der Film nur im Original mit Untertiteln erscheint. Zu Das Blut der roten Python existiert eine schöne, trockene und leicht debile deutsche Kinosynchro, die den Charme des Films nicht nur besonders unterstreicht, sondern auch gewährleistet hätte, daß der bunte Bilderreigen in seinem Fluß nicht durch Leseaufgaben getrübt wird – und dies wäre wirklich ein Film, in dem das visuelle Erlebnis einer Authentizität auf der Tonspur Vorrang zu geben gewesen wäre. Ob hier rechtliche Gründe für den Verzicht auf die alte Synchronisation ursächlich waren oder es sogar nach den vielen Frame Cuts einfach nicht mehr mit vertretbarem Aufwand zu schaffen war, die deutsche Tonspur bildsynchron anzulegen, mag dabei dahinstehen. 2011-05-04 09:44

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