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Zwischen uns das Paradies

Na putu. BIH/D/A/HR 2009. R,B: Jasmila Zbanic. K: Christine A. Maier. S: Niki Mossböck. M: Brano Jakubovic. P: Pandora Filmproduktions GmbH, Coop99 Film, Deblokada Film (BA), Ziva (HR). D: Zrinka Cvitesic, Leon Lucev, Ermin Bravo, Mirjana Karanovic, Marija Köhn, Nina Violic, Sebastijan Cavazza, Jasna Ornela Bery u.a.
99 Min. Neue Visionen ab 13.5.11

Sp: Deutsch, Bosnisch (DD 5.1, DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: keine.

Nach dem Krieg

Von Michael Kienzl Auf den ersten Blick wirkt Zwischen uns das Paradies wie ein Film über die schwere Belastungsprobe einer Beziehung. Die Stewardess Luna lebt gemeinsam mit dem Fluglotsen Amar glücklich in Sarajevo. Nur teilweise wird ihre Zweisamkeit davon überschattet, daß Amar die psychischen Wunden des Krieges mit reichlich Alkohol zu heilen versucht. Als er deswegen schließlich den Job verliert und zufällig seinem ehemaligen Mitsoldaten Bahrija begegnet, der zu einer konservativen islamistischen Gruppierung übergetreten ist, scheint sich alles zu ändern. In einem von der Außenwelt abgeriegelten Wahhabiten-Camp bekommt Amar einen neuen Job und beginnt darauf seinen Lebensstil radikal zu ändern.

Wie in ihrem ersten Langfilm Esmas Geheimnis behandelt die bosnische Regisseurin Jasmilla Zbanic ein spezifisches Problem ihres Heimatlandes. Standen zuvor noch die kalkuliert eingesetzten Vergewaltigungen serbischer Milizen an bosnischen Frauen im Mittelpunkt, sind es nun die vom Krieg traumatisierten Männer, die sich nach Orientierung sehnen und sie in religiösem Fundamentalismus finden. Die betont weibliche Perspektive, die der Film einnimmt, legt den Hauptkonflikt nahe. Mit jedem Schritt, den Amar hin zur frauenverachtenden Ideologie der Wahhabiten macht, muß Luna um eine Beschneidung ihrer Freiheit fürchten. Dabei unterscheidet der Film stets zwischen einem aufgeklärten Islam, wie ihn Luna und ihre Familie praktizieren – oder man könnte auch sagen gerade nicht praktizieren – und einer reaktionären, allen westlichen Einflüssen feindlich gegenüberstehenden Gruppierung.

Zunächst bleibt Zwischen uns das Paradies ein Beziehungsdrama über gegenseitige Entfremdung und spiegelt diese auch etwas plakativ bei einem befreundeten, sich ständig streitenden Pärchen wieder. Neue Pfade möchte Zbanic mit ihrem Film nicht bestreiten. Das Drehbuch folgt einem äußerst konventionellen Aufbau, die karge filmische Form entspricht ganz der herrschenden Ästhetik europäischer Arthausproduktionen. Würde der Film bei der Frage bleiben, wie viel Kompromisse man für seinen Partner bereit ist, einzugehen, könnte das Ergebnis trotzdem passabel sein. Doch besonders in der zweiten Hälfte dringt das Motiv des repressiven Islams zu penetrant in den Vordergrund, was sich in einigen reichlich konstruiert wirkenden Szenen niederschlägt. Seinem alten Freund begegnet Amar etwa bei einem seltsamen Unfall und bei einem zufälligen Besuch in der Moschee wird Luna gleich Zeugin wie eine Minderjährige zwangsverheiratet wird.

Die Wut auf die in Bosnien zunehmend populärer werdenden Wahhabiten ist durchaus verständlich, ein differenzierter Umgang mit der anderen Seite hätte dem Film aber sicher nicht geschadet. Amars Wandlung vom überzeugten Hedonisten zum Koranverse wiedergebenden Zombie, der Frauen nicht mehr die Hand gibt und auch keinen außerehelichen Sex mit seiner Freundin möchte, ist nur schwer nachvollziehbar und erinnert fast schon an einen Horrorfilm. Schade, daß sich Zbanic hier so im Genre geirrt hat. Als Beziehungsdrama hätte der Film sicher besser funktioniert. 2011-05-13 09:23

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