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Rapunzel – Neu verföhnt

Tangled. USA 2010. R: Nathan Greno, Byron Howard. B: Don Fogelman. S: Tim Mertens. M: Alan Menken. P: Walt Disney Animation Studios, Walt Disney Pictures.
100 Min. Disney ab 7.4.11

Sp: Englisch, Deutsch, Türkisch (DD 5.1). Ut: Deutsch, Englisch (für Hörgeschädigte), Türkisch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Alternative Anfangsszenen.

Arrested Development

Von Asokan Nirmalarajah Mit Rapunzel – Neu verföhnt (oder Tangled, so wie der amerikanische Originaltitel den berühmten Märchenstoff der Gebrüder Grimm einem jugendlicheren, nicht zuletzt auch männlicheren Kinopublikum schmackhaft macht) präsentieren die Walt-Disney-Studios stolz ihren 50. abendfüllenden Animationsfilm. Wer über die Jahre nicht so eifrig mitgezählt und dabei auch verschlafen hat, das manch eine Disney-Produktion nachträglich in den firmeneigenen Kanon der sogenannten »Meisterwerke« aufgenommen wurde (siehe oder lieber doch nicht den computer- statt handanimierten Dinosaurier), wird zu Beginn von Tangled noch einmal an das konstruierte goldene Jubiläum erinnert. Das als Marketingstrategie kritisierte Verwirrspiel mit dem Titel der abenteuerlichen Märchenromanze mit hohem Slapstick-Faktor und die Auszeichnung des Films mit einer großen roten »50« ist bezeichnend für eine gleichzeitige Vorwärts- und Rückwärtsbewegung der Studios, unter der ihr Output seit einiger Zeit leidet. Auch Tangled ist ein ebenso charmanter wie durchwachsener Versuch, die erprobte Erfolgsformel der Disney-Zeichentrickfilme für ein zeitgenössisches Publikum zu modernisieren und dabei doch noch an die Tradition zu ermahnen.

Tangled, eine stark verfremdete Fassung der psychosexuell nicht wenig aufgeladenen Märchenvorlage, ist ebensowenig ein Meisterwerk wie die meisten als solche kanonisierten Disney-Produktionen. Doch selbst wenn man den kreativen Höhepunkt der Disney Renaissance (die kommerziell sehr erfolgreiche Zeitspanne zwischen den späten 1980er und späten 1990er Jahren) als Maßstab nehmen würde, könnte der Film nicht an das einmalige Triumvirat Arielle, die Meerjungfrau, Die Schöne und das Biest und Aladdin heranreichen. Das liegt nicht so sehr daran, daß früher stets alles besser war und der schon auf seine 30 zusteuernde Rezensent in seiner Kindheit für diese Art von auf besonders hohe Massentauglichkeit getunte Unterhaltungsmaschinen empfänglicher war. Denn Tangled macht nicht viel anders als seine Vorbilder, vor allem Aladdin muß hier als unmittelbare Inspiration hergehalten haben: Ein kühner, aber sensibler Dieb, eine sexuell erwachende, aber in ihren Gemächern gefangene Prinzessin, die sich nach der Außenwelt sehnt, einige stumme, aber außerordentlich expressive tierische Sidekicks und eine temporeiche Aneinanderreihung von Szenen voller Action, Komik, Romantik und nicht wenig Zauberei.

Doch wo Tangled, der ohne jede Übertreibung als der gelungenste Disney-Film seit Tarzan (1999) zu werten ist, dann doch zu kurz greift, ist in seiner dramaturgisch allzu hastigen und dadurch arg konstruierten Vermengung dieser Elemente. Bewundernswert an den klassischen Disney-Filmen war doch gerade die Zeit, die sich die Regisseure nahmen, um die Zuschauer in die atemberaubend schönen und einfallsreich gestalteten Trickwelten zu entführen und den emotionalen Momenten der Geschichten besonders viel Platz einzuräumen, meist durch ergreifende Musicalsequenzen wie man sie so schon seit langem in amerikanischen Realfilmen vermißte. Die so abrupt einsetzenden wie fallengelassenen, nicht besonders einprägsamen Gesangsnummern von Tangled können hingegen nur enttäuschen, weil sie wohl vorkommen müssen, um von einem klassischen Disney-Film sprechen zu können, und dann doch hastig über die Bühne gebracht werden, um nur nicht das rasante Tempo des bemühten Teenfilms zu gefährden. Und kurzweilig ist der Film trotz aller Formelhaftigkeit tatsächlich, wenn auch er nur über wenige wirklich erinnernswerte Sequenzen wie etwa die bezaubernde, hinreißend romantische Laternensequenz verfügt.

Nach der eher mißglückten Rückbesinnung der Disney-Studios auf die heute zu Unrecht als antiquiert verpönte Zeichentricktechnik mit dem uninspirierten Langweiler Küss den Frosch kann man Tangled zumindest als einen Schritt in die richtige Richtung auffassen. Die kreative Entwicklung der Disney-Filme wirkt zwar noch immer so gehemmt von ihren eigenen inhaltlichen wie formalen Konventionen wie die sexuelle Entwicklung mancher ihrer Protagonistinnen von den zwielichtigen Mutterfiguren in ihrem Leben. Doch die Disney Renaissance zeichnete sich gerade dadurch aus, daß sie innerhalb ihrer Schranken aufregend variieren konnten und auch mal die Jungfrau aus dem Turm ließen. Waren nicht die Heldinnen des oben genannten Triumvirats gerade deshalb so faszinierend, weil sie schnell zu Frauen wurden und bald keine Mädchen mehr waren? Rapunzel hingegen ist noch sehr Kindfrau mit großen Augen und kleiner Statur, die nach ihrer Flucht vor Lebensfreude und Schuldgefühlen hin- und hergerissen ist. Tangled, dessen schön weiche Computeranimation sich bemüht, klassische Handanimation zu emulieren, ist ähnlich zwiegespalten zwischen kreativem Wagemut und der Geborgenheit der alten Disney-Formel. 2011-05-27 09:18

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