— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Der Besuch

D/F/I 1964. R: Bernhard Wicki. B: Ben Barzman. K: Armando Nannuzzi. S: Samuel E. Beetley, Françoise Diot. M: Richard Arnell, Hans-Martin Majewski. P: Cinecittà, Dear Film Produzione, Deutsche Fox AG (Defa), Les Films du Siècle u.a. D: Ingrid Bergman, Anthony Quinn, Paolo Stoppa, Romolo Valli, Claude Dauphin, Jacques Dufilho, Hans-Christian Blech, Richard Münch u.a.
96 Min. Winkler ab 29.4.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Bildergalerie, Booklet.

Bergman will Quinn an den Kragen

Von Sabine Weier Kann man mit Geld alles kaufen? Selbst ein Menschenleben? Karla Zachanassian ist davon überzeugt, als sie nach 20 Jahren in ihr mittlerweile finanziell ruiniertes Heimatstädtchen zurückkehrt. Der Besuch ist die letzte Hoffnung für das ausgeblutete Güllen, und Karla macht den Bürgern ein unmoralisches Angebot: Sie will ihnen und der Stadt eine schwindelerregend hohe Summe spenden, wenn sie dafür Karlas Jugendliebe Serge Miller töten. Als sie mit 17 von ihm schwanger wurde, bestritt er die Vaterschaft und ruinierte ihren Ruf dermaßen, daß sie schließlich aus der Stadt gejagt wurde. Zur Multi-Milliardärin aufgestiegen kehrt sie nun zurück und will sich rächen. Stoff für Hollywood. Das erkannte auch die 20th Century Fox und engagierte Bernhard Wicki, der ein paar Jahre zuvor mit seinem mehrfach preisgekrönten Antikriegsdrama Die Brücke Aufsehen erregt hatte, um aus Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie ein schillerndes Drama zu machen. 1964 feierte der Schwarzweißfilm in Cannes Premiere.

Als die Zachanassian ihre Bedingung für die großzügige Spende ausspricht, lehnt der Bürgermeister zunächst harsch ab. Die Gefahr scheint gebannt und doch verbreitet sich allmählich eine bedrohliche Stimmung. Übermächtig thront sie in einer mondänen, übrigens für einen Oscar nominierten Garderobe auf ihrem Hotelbalkon und beobachtet die verarmten Bürger. Von Dürrenmatts Vorlage weicht die Hollywood-Adaption natürlich in vielen Details gehörig ab, so wollte man die Zachanassian nicht mit einer Beinprothese ausstatten und verjüngte sie kurzerhand von 65 auf 37 Jahre, weshalb »Der Besuch der alten Dame« auch schlicht zu Der Besuch wurde.

Der Film lebt von seinen Stars. Quinn interpretiert Millers psychischen Zerfall hervorragend und Bergman glänzt in der Rolle des Racheengels, der auf die Habgier der Menschen setzt und sie zu schüren weiß: Die Zachanassian läßt Werbebusse beladen mit Autos, Vespas und Phillips-Haushaltsgeräten anrollen und auf dem Marktplatz vor den gaffenden Bürgern ein paar Runden drehen – das in einer einzigen kuriosen Szene kondensierte Wirtschaftswunder parallelisiert die Stadt. Angesichts der Warenflut scheint selbst Millers Frau schwach zu werden. Sie und die anderen Bürger stürzen sich wie eine Herde Konsumzombies auf Kleider, E-Herde und Waschmaschinen. Mord für ein Fernsehgerät? Millers Aussichten auf Rettung werden finsterer, das spiegeln fortan auch intensive Nachtszenen. Im Dunkeln gehen die Bürger bewaffnet auf Jagd nach dem entflohenen Panther der exzentrischen Diva, und es verirren sich immer wieder Kugeln in Millers Nähe. Dürrenmatts tragische Komödie wird zum spannenden Kammerspiel, in dem sich Millers zunehmender Verfolgungswahn kaum noch von der filmischen »Wirklichkeit« unterscheiden läßt.

Hollywoodpomp und Kapitalismuskritik passen so wenig zusammen wie Champagner und Bockwurst, und so entwirft diese Melange auch eine absurde Welt. Die 20th Century Fox schien das nicht zu stören. Man setzte sogar noch einen drauf und verlegte die Handlung aus dem schweizerischen Städtchen in einen kleinen pseudodemokratischen Balkan-Stadtstaat, in dem korrupte Polizisten an die SS erinnernde Uniformen tragen und so noch eine Moralisierung à la »Die Welle« in den wilden Cocktail mischen. Die augenfälligen Bemühungen, das Theaterstück so filmisch wie möglich zu adaptieren, sind nur streckenweise gelungen, denn das statische Cinecittà-Set, die funkelnden Kostüme der Diva und die überzogen verlotterten Bürger Güllens lassen das Gesamtwerk trotz einiger Finessen der Montage theatralisch wirken. In einer schwülstig inszenierten letzten Liebesszene vor dem eher nüchternen Finale kommt es dann endlich zum Kuß und damit auch zum cineastischsten Moment. Bernhard Wicki war mit seiner Version jedenfalls zufrieden: »Allen Auflagen und Änderungen zum Trotz, die die 20th Century Fox von mir verlangte, kann sich das Endresultat noch heute sehen lassen.« Das kann es. 2011-06-15 09:08

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap