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Bent

GB 1997. R: Sean Mathias. B: Martin Sherman. K: Yorgos Arvanitis. S: Isabelle Lorente. M: Philip Glass. P: Channel Four. D: Mick Jagger, Clive Owen, Brian Webber, Nikolaj Coster-Waldau, Jude Law, Gresby Nash, Suzanne Bertish, David Meyer u.a.
100 Min. Arthaus ab 15.7.10

Sp: Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Fotogalerie, Hinter den Kulissen, Musikvideo, Interviews, Trailer.

Alter und Ego im Lager

Von Gerrit Booms Aus der Zügellosigkeit des Berliner Varietes in die Unmenschlichkeit des KZ-Betriebes in Dachau. Bent wagt einen thematischen Spagat, der im Film eher ungewöhnlich ist. In kammerspielartiger Dramaturgie verknüpft er Fragen nach offensiver und freizügiger Sexualität mit der Andeutung von menschenvernichtenden Gräueln.

Max (authentisch wie selten: Clive Owen) und Rudi sind zwei lebenslustige Homosexuelle im Berlin der 1930er Jahre, die mit exzessiven Partys und wechselnden Sexualpartnern durchs Leben wanken. Sie meistern ihr Leben mehr, als sie es führen. Bis in der SA plötzlich Röhm geputscht wird – und damit eine große Säuberungsaktion in der Szene beginnt. Auch das Paar wird geschnappt, deportiert und damit auch getrennt. Denn Max begreift schnell, daß seine Homosexualität im Lageralltag ein weiterer Nachteil sein könnte, und beginnt sie zu verleugnen. Es ist eine Paradoxie: Daß hier jeder existenziell auf sich allein gestellt ist, lernt Max ausgerechnet durch einen Dritten. Die Grenzen des Sozialen offenbaren sich in einem Eisenbahnwaggon und stiften gleichzeitig eine neue Beziehung. Denn der Dritte ist Horst (bestechend: Lothaire Bluteau), ein bekennender Schwuler, der Max ins Lager begleiten und mit immer neuen Fragen konfrontieren wird. Ist Liebe in solchen Situationen überhaupt möglich? Oder eigentlich doch nur eine alternative Form der Abhängigkeit? Ein mentaler Fluchtversuch? Ist es moralisch bewertbar, freiwillig einen Judenstern zu tragen, um dem Rosa Winkel zu entgehen? Ohne sich ein einziges Mal zu berühren bauen die zwei Männer eine tiefe und innige, bisweilen sexuelle Bindung auf. Bis die Umstände ein weiteres Mal in die Existenzen eingreifen.

Die Verfilmung eines Theaterstücks von 1979 ist ein wichtiger Beitrag zur filmischen Diskussion des Prinzips Konzentrationslager. Die körperliche wie mentale Zermürbung in so nahe und gleichsam künstlerische Bilder zu fassen ist eine Kunst, die die Umstände mehr als Schablone für allgemeine Fragestellungen nimmt, denn als tragischen Ausgangspunkt. Die vorliegende DVD kommt mit einer entsprechend sparsamen Ausstattung daher. Beispielsweise wurde der Film bis heute nicht synchronisiert, so gibt es also auch keine unterschiedlichen Audiofassungen. Das ist programmatisch passend. Schließlich geht es hier nicht um die Auswahl, sondern um die Aufmerksamkeit für ein gemeinhin ignoriertes Phänomen. Bent ist ein Film, der unsere Aufmerksamkeit verdient. 2011-06-22 12:54

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