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Red White & Blue – Störkanal Edition

USA 2010. R,B: Simon Rumley. K: Milton Kam. S: Robert Hall. M: Richard Chester. P: Rumleyvision, ScreenProjex, Fidelity Films. D: Amanda Fuller, Marc Senter, Jon Michael Davis, Nick Ashy Holden, Patrick Crovo, Mary Mathews, Noah Taylor, Julian Haddad u.a.
103 Min. I-ON New Media ab 27.5.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: keine.

Drei Farben: Extrem

Von Oliver Baumgarten Der amerikanische Independentfilm hat in den letzten Jahren viel von seiner Vielfalt und Eigenwilligkeit eingebüßt, die ihn besonders in den 1990er Jahren ausgezeichnet hatten. Trotzdem aber gelingt es Filmemachern hin und wieder, mit Einzelwerken darauf aufmerksam zu machen, daß auch in den USA nach wie vor ein interessantes Kino abseits des Mainstreams existiert – und sei es durch einen Regisseur, der, wie in diesem Falle Simon Rumley, eigentlich waschechter Engländer ist. Red White & Blue ist nach einigen eher dem Splatter zuzurechnenden Indies in England Rumleys erste Arbeit in den USA. Es kommt aber nicht von ungefähr, daß er diesen Stoff mitten in Texas angesiedelt und inszeniert hat. Vielmehr scheint Red White & Blue, benannt nach den Nationalfarben der Vereinigten Staaten, so eindeutig in den Gründungsmythen des Landes verwurzelt, daß er überhaupt nirgendwo anders hätte realisiert werden können. Ob’s nun so gemeint ist oder nicht: Red White & Blue wirkt damit ziemlich eindeutig wie Rumleys persönlicher Eindruck von der sozialen Atmosphäre in den USA. Und pathologischer hätte der nicht ausfallen können.

Erica geht emotionslos und ohne Interesse an näherem Kontakt mit jedem willigen Mann ins Bett, der ihren Weg kreuzt, um dann auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Nur der etwas wunderliche Ex-Soldat Nate, der sich in sie verliebt, kommt ihr langsam näher. Eine zarte Beziehung entwickelt sich, als plötzlich Franki auftaucht, ein ehemaliger One Night Stand von Erica, der eine Mordswut auf sie im Bauch hat. Wie Geschosse treffen die drei Biographien aufeinander – und setzen plötzlich archaische Aggressionen frei, die tief unterdrückt in ihnen geschlummert haben müssen.

Die durch Beschneidung der individuellen Freiheit verletzte amerikanische Psyche als Pulverfass, das – einmal entzündet – alle bestehenden Werte bestialisch entweiht: Simon Rumleys unter höchstem sozialen Druck stehende Figuren werden zu grausamen Waffen. Ist der Versuchung, die moralische Grenze zu überschreiten, erst nachgegeben, gibt es für seine Figuren kein Halten mehr, die Gesellschaft zerfleischt sich selbst. Rot, Weiß und Blau, die drei Farben, tief verwurzelt in der Vexillologie von »Old Europe«, von Frankreich, den Niederlanden, dem United Kingdom, gestalten auch das Star-Spangled Banner der USA und dominieren Rumleys Film. Weiß für die Unschuld und Reinheit, die Erica früh genommen wurde, Rot für die Tapferkeit, die Franki nicht besitzt, und Blau für die Gerechtigkeit, die Nate so falsch versteht: Die Gründungswerte der US-amerikanischen Nation, symbolisiert durch die drei Nationalfarben, sind wie cleveres Marketing überall präsent, doch verkörpert sind sie kaum noch vorzufinden – und in Rumleys Film erst recht nicht. So prangt zwar auf Nates Weste am Rücken stolz die Flagge, und Franki hat sich sogar die Nation in Umrissen auf die Haut tätowiert: Mit den uramerikanischen Werten aber ist es unterhalb der Oberfläche bei den Figuren nicht mehr weit her.

Furios inszeniert, erzählt Rumley seine verstörende Geschichte virtuos umgesetzt im europäischen Stil: stark elliptisch und in Jump Cuts geschnitten, ohne Prüderie illustriert und gespickt mit befreienden Leerstellen. Konsequent und präzise, atmosphärisch dicht und doch durchlässig für individuelle Lesarten: Red White & Blue ist Gesellschaftshorror der extremen Art. Daß in Zeiten des Torture Porn, der in Deutschland zum Teil übelste Splatterware in die Kinos spült, Rumleys Film lediglich auf DVD erscheint, ist ein Jammer. Immerhin doch stellt Red White & Blue mal wieder einen Film dar, der beweist, daß das Horrorgenre durchaus noch intelligente und stilistisch experimentierfreudige Beiträge hervorzubringen vermag. 2011-07-25 09:44

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