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Memories of Murder – Störkanal Edition

Salinui chueok. ROK 2003. R,B: Bong Joon-ho. B: Shim Seong-bo. K: Kim Hyeong-gu. S: Kim Sun-Min. M: Taro Iwashiro. P: Sidus. D: Song Kang-ho, Kim Sang-kyung, Kim Roe-ha, Song Jae-ho, Byeon Heui-bong, Ryu Tae-ho, Park No-shik, Park Hae-il u.a.
132 Min. I-ON New Media ab 25.3.11

Sp: Deutsch, Koreanisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: keine.

Tadellos und lupenrein

Von Robert Cherkowksi Nicht zu Unrecht darf das koreanische Kino der letzten zehn Jahre zur gegenwärtig innovativsten Kreativschmiede des Weltkinos gezählt werden. Egal ob im Gewand historischer Dramen, ruppiger Rache-Schocker oder fiebriger Crime-Thriller vor urbaner Kullisse – nirgendwo sonst gehen erzählerische Ökonomie und visuelle Extravaganz in einer solchen Vielzahl Hand in Hand. Viel zu selten jedoch wird den Werken dabei die Aufmerksamkeit zuteil, die sie verdient hätten. Der 41 jährige Bong Joon-ho jedoch darf zu jenem kleinen Kreis südkoreanischer Regisseure gezählt werden, die trotz der Ignoranz westlicher Augen weltweit auf ihr Oevre aufmerksam gemacht haben. Für kurze Zeit konnte man sowohl sein Mash-Up aus Politfabel und Monster-Trash namens The Host als auch sein düsteres Kriminaldrama Mother auf deutschen Leinwänden bewundern. Trotz großem Lob seitens der Kritik blieb der große Publikumserfolg bei seinen deutschen Kinoauswertungen jedoch aus. In seiner koreanischen Heimat, wo man erzählerischen Experimenten noch weitaus aufgeschlossener gegenüberzustehen scheint, war der Zuspruch ungleich größer. Für eine Zeit war The Host dort gar die erfolgreichste nationale Produktion aller Zeiten. Der – zumindest inländische – Erfolg Joon-Hos kommt nicht von ungefähr. Im Gegensatz zum leicht prätentiösen Autorengestus eines Park Chan-Wook (Oldboy) oder den wuchtigen Bilderstürmen eines Kim Jee-Woon hat sich Bong Joon-Hoo in Form und Inhalt dem (hört hört) einfachen Menschen verschrieben. Seine Kulissen sind nicht die Eindruck schindenden Glaspaläste der Boomtown Seoul, sondern Randgebiete und verschlafene Vororte, die in vergleichbaren Hochglanzproduktionen gern verschwiegen werden. Die Metropolen mögen immer wieder ein schwelgerischer Blickfang sein – in den leicht verlotterten Provinzen jedoch schlägt das wahre Herz im Werk Joon-Hos. Ähnlich »down to earth« wie seine lokalen Vorlieben geraten dabei auch seine Helden. Sein Interesse gilt den Verlierern und jenen, die vom koreanischen Wirtschaftswunder nicht profitiert haben. Souveräne Teufelskerle sucht man vergebens. Tatsächlich sind die meisten von ihnen schon mit der Bewältigung des Alltags gnadenlos überfordert. Wenn sich zu ihrer Unbeholfenheit noch ein emotionaler oder lebensbedrohlicher Ausnahmezustand gesellt, ist das Chaos meist perfekt.

Einer der planlosesten Helden in dem an planlosen Helden nicht eben armen Schaffen Joon-Hos ist der leicht vertrottelte Dorfpolizist Park Doo-man, dem Helden des 2003er Überraschungshits Memories of Murder. Als Mitte der 1980er Jahre (in der Spätzeit der südkoreanischen Militärdiktatur) ein offenbar perverser Frauenmörder in Doo-mans Revier – der abgeschiedenen Industriestadt Hwaseong – sein Unwesen treibt ist dessen ganzes Können gefragt. Dieses ist allerdings mehr als begrenzt. Tatsächlich beschränkt sich Doo-mans Ermittlungsarbeit die meiste Zeit darauf, den Dorfdeppen zu foltern und zu immer neuen Geständnissen zu zwingen. Fall gelöst? Mitnichten. Als das Morden ungebrochen weitergeht wird dem tumben Kommissar ein Profi aus Seoul als Partner zugeteilt. Doch auch mit intelligenter Schützenhilfe will sich kein Erfolg einstellen. Der Killer bleibt ein Phantom und auch als ein Verdächtiger ausgemacht ist, reichen die Beweise niemals aus, um Gewißheit zu schaffen, während im Hintergrund Studentenunruhen und geschichtsträchtiger Wandel von statten geht.

In weniger verspielten Händen wäre ein solch düsterer Stoff gewiß zu einer Lektion in Finsternis geraten. Bei Joon-Ho jedoch entwickelt sich die erfolglose Mörderjagd zu einem ungeahnt humorvollen Period Piece, das sich glücklicherweise niemals im Ton vergreift oder in zynische Gefilde abrutscht. Zwischen Serienkiller-Thriller, der Aufarbeitung der bewegten koreanischen 1980er Jahre bis zur Satire über die höchst unfähigen Institutionen wird hier so manches mal die Gangart gewechselt und so manches Faß aufgemacht, ohne daß Joon-ho jemals aus dem inszenatorischen Tritt käme. Zur erzählerischen Stärke gesellt sich ein erfrischend zweckdienlicher Stilwille. Seine Freude an Plansequenzen (beispielsweise bei einer der chaotischsten Tatortbegehungen der Filmgeschichte) nimmt nie prahlerische Formen an oder lenkt von der Story ab. Ganz zu schweigen von seinem triumphalen Ensemble, das die Lächerlichkeit ihrer Rollen nie verschweigt, ohne sie jedoch vorzuführen. Speziell der koreanische Superstar Song Kang-ho (bekannt aus Park Chan-wooks Durst) weiß zu begeistern. Pausbäckig und von entwaffnender Tollpatschigkeit stolpert er als Doo-man durch die Ermittlungen – ein arg beschränkter Bully zum Liebhaben und sicherlich einer der Gründe für den großen Erfolg an den koreanischen Kassen.

Das Re-Release im Rahmen von I-ONs hochinteressanter Störkanal-Serie irritiert jedoch ein wenig. Zwar sei dem Film jede Aufmerksamkeit gegönnt und es bleibt zu hoffen, daß ihm auf diesem Wege endlich die lang verwehrte Aufmerksamkeit zukommt, doch scheint er im Umfeld der transgressiv-deprimierenden »Mutproben«-Filme der Reihe ein wenig deplatziert. Trotz seiner zum Teil bedrückenden Thematik ist Memories of Murder nämlich vor allem eines: ein tadellos inszenierter, lupenreiner Feel-Good-Film. Noch besser hingegen würde man sich fühlen, wenn I-ON das üppige Bonusmaterial seiner Erstveröffentlichung (zwei DVDs, drei Making Ofs, Deleted Scenes, Interviews und einem Special über die Filmmusik) beibehalten hätte, anstatt sich an der spartanischen Ausstattung der Störkanal-Reihe zu orientieren. 2011-08-01 09:47

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