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Rubber

USA 2010. R,B,K,S,M: Quentin Dupieux. S: Kevos Van Der Meiren. M: Gaspard Augé. P: Realitism Films, Elle Driver, Arte France u.a. D: Stephen Spinella, Roxanne Mesquida, Wings Hauser, Jack Plotnick, Haley Ramm, Ethan Cohn u.a.
78 Min. Capelight ab 1.7.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Interviews, Trailer.

Cooler Streifen um heißen Reifen

Von Robert Cherkowski Einem Film, in dessen Zentrum ein zum Leben erwachter Reifen in der Wüste Kaliforniens steht, der sich in eine junge Frau auf der Durchreise verliebt, ihr auf leisen Rillen hinterher stalkt und – zu allem Überfluß – auch noch über telekinetische Fähigkeiten verfügt, mit denen er Köpfe zum platzen bringen kann, zu attestieren, daß er eine ausgeprägten Hang zur Absurdität hat, kommt dem Einrennen sperrangelweit offener Türen gleich. Stephen Spinella in der Rolle des philosophierenden Sheriffs Chad macht dann auch von Anfang an keinen Hehl daraus, daß man hier lieber nicht nach dem Warum fragt. Im Prolog wendet er sich an eine Gruppe Touristen, die sich auf einer Anhöhe im Nirgendwo der kargen Einöde, wo sich Geier und Feuersalamander Gute Nacht sagen, eingefunden haben. Sowohl im Film wie im Leben passieren oft Dinge ohne Grund und man muß sich einfach drauf einlassen. Schon in den ersten fünf Minuten durchbricht er die vierte Wand und stellt klar, daß er sich der Künstlichkeit der Situation sehr wohl bewußt ist. Die Touristen, ausgestattet mit Ferngläsern, sollen sich nun umdrehen und den »Film«, der sich im dahinter liegenden Tal abspielt, genießen. Die Touristengruppe wird im weiteren Verlauf den Platz des Zuschauers einnehmen und sich an seiner Stelle den Kopf zerbrechen, was das Treiben um den amoklaufenden Reifen zu bedeuten hat. Immer wieder werden die Schaulustigen auf dem Hügel in den Mittelpunkt gerückt, die dumm aufs Geschehen glotzen, töricht und verkrampft nach dem Sinn fragen und an den falschen Stellen lachen. Einzig B-Movie-Recke Wings Hauser bewahrt als an den Rollstuhl gefesselter Schweiger einen kühlen Kopf unter heißer Sonne und genießt das wunderbar kopflose Treiben in der endlosen Weite der Prärie. Bald werden sich die Ereignisse überschlagen.

Mit Rubber ist Quentin Dupieux (auch bekannt unter seinem Musiker-Pseudonym Mr Oizo, unter dem er auch den ebenso versponnenen wie treibenden Soundtrack gestaltete) eine der charmantesten Publikumsbeleidigungen seit langer Zeit gelungen. Im Minutentakt werden hier Erwartungshaltungen aufgebaut, nur um sie wenig später lustvoll ins Leere laufen zu lassen. Nach Lust und Laune variiert das Tempo zwischen panischer Hektik und völligem, provozierenden Stillstand. Wo in einem Moment scheinbar sinnlose Details minutenlang in Augenschein genommen werden, überspringt Dupieux kurz darauf wichtige Plot-Punkte, um Tage später wieder den Faden aufzugreifen. Mehr als einmal wirkt Rubber dabei, als hätten sich Stanley Kubrick und Helge Schneider zum Brainstorming an den runden Tisch gesetzt. (Vielleicht waren sogar Drogen im Spiel…) Dabei begeht Dupieux nie den Fehler, eine geschmacksverirrte Genre-Parodie oder – noch schlimmer – eine überkandidelt-postmodern tuende Hommage zu inszenieren, sondern verläßt bewußt zu keinem Zeitpunkt die artifizielle Deckung. Egal ob es sich bei Rubber um eine geistreiche Übung in der Dekonstruktion filmischer Sehgewohnheiten oder einen Gaga-Witz auf Kosten des Zuschauers handelt – Dupieux hat einige bemerkenswerte Beobachtungen gemacht

So ist es unter anderem bezeichnend, daß es ein europäischer Regie-Harlekin aus dem Musik-Bereich ist, der dem Publikum nach langer Zeit wieder einmal die Augen öffnet für die unwirkliche raue Schönheit der amerikanischen Steppe mit ihren asphaltierten Arterien, dem Geäst, der verhärmten Flora und Fauna und den traurigen kleinen Motels mit den schmutzigen kleinen Hinterhofswimmingpools, die aussehen als hätte Edward Hopper sie mit schiefem Grinsen ins Drehbuch gekritzelt. Auch wundert man sich über die bemerkenswerte Präsens, mit welcher Charaktergesichter aus der zweiten bis dritten Reihe wie Hauser oder der fantastische Stephen Spinella hier die Leinwand füllen, ohne dem Ehrgeiz anheimzufallen, mehr sein zu wollen als Stichwortgeber für ein rundes Stück Gummi. Die größte Ironie ist hingegen die Tatsache, daß es ein exzentrisches Stück Art-House-Trash über den Amoklauf eines telekinetisch begabten Reifens ist, die das von Stagnation und Verdruß geplagte und verbitterte Publikum im Jahre 2011 daran erinnert, welch Vergnügen modernes Kino bereiten kann, wenn man es läßt. 2011-09-12 13:07

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