— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Der Rest ist Schweigen

BRD 1959. R,B: Helmut Käutner. K: Igor Oberberg. S: Klaus Dudenhöfer. M: Bernhard Eichhorn. D: Hardy Krüger, Peter van Eyck, Ingrid Andree, Adelheid Seeck, Rudolf Forster, Heinz Drache, Charles Regnier, Boy Gobert u.a.
100 Min. Pidax ab 5.8.11

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.33:1. Ex: Booklet.

Wirtschaftswunder subkutan

Von Oliver Baumgarten Lose basierend auf Motiven von Shakespeares »Hamlet« realisierte Helmut Käutner 14 Jahre nach Kriegsende mit Der Rest ist Schweigen einen Film, dem es auf faszinierende Art und Weise gelang, die Situation seiner Zeit in Deutschland ziemlich schonungslos zu thematisieren. Allzu viele Filme deutscher Regisseure, die das versuchten, gab es zu jener Zeit nicht – und schon gar nicht von Filmemachern, die wie Helmut Käutner bereits in der Diktatur ihre Erfahrungen im Filmgeschäft gemacht hatten. Doch Käutner begann gleich nach Kriegsende – wie auch Wolfgang Staudte, der hier, ziemlich einmalig, als Koproduzent fungierte –, den Film als künstlerisches Mittel zu nutzen, um seinen ambivalenten Gefühlen und Meinungen zu bestehenden Befindlichkeiten Ausdruck zu verleihen. Gerade Aspekte wie Schuld, Täterschaft oder Gerechtigkeit, vakante Größen, die in jenen Nachkriegsjahren mehr oder weniger bewußt als Auseinandersetzungen durch die deutsche Gesellschaft geisterten, fanden eindrücklich diskutiert Eingang in Der Rest ist Schweigen.

Wie erwähnt, basierend auf »Hamlet«-Motiven, entwarf Käutner die Grundsituation eines Industrieerben, der Jahre nach dem Krieg aus der Emigration in den USA ins Ruhrgebiet zurückkehrt. Vornehmlich, um das Erbe an seinen Stiefvater abzutreten. Tatsächlich aber will John H. Claudius der Todesursache seines geliebten Vaters auf die Spur kommen, der angeblich einem nächtlichen Bombenangriff zum Opfer gefallen sein soll. Claudius vermutet jedoch, daß seine Familie den unbequemen Boß der Stahlhütte, die längst »kriegswichtig« geworden war, aus dem Wege geräumt hat.

Offene Feindseligkeit herrscht zwischen den Daheimgebliebenen, den Kollaborateuren der Kriegstreiber, und dem vom Vater geliebten und frühzeitig in die USA geschickten Alleinerben, der fremdelt, der ihnen nicht traut und mit weltmännischer Arroganz in ihr Ruhrbaronleben platzt. Viel erzählt Käutner in diesem Aufeinandertreffen vom Mißtrauen zwischen den Generationen, aber auch von den Konflikten, die zu jener Zeit dadurch auftraten, daß plötzlich die vor dem Krieg emigrierten Deutschen zurückkamen. Deutsche, die als völlig Fremde in die Nachkriegsgesellschaft stießen, die sich schon deswegen von den anderen unterschieden, weil sie im Gegensatz zu ihnen scheinbar keine so klare Schuld auf sich geladen hatten. Deutsche, von denen man glaubte, sie würden sich deswegen als moralische Instanz sehen, und die in erster Linie auch daran erinnerten, was man gemeinschaftlich zu verdrängen suchte.

Wie sehr diese Aspekte in der Alltagswelt der Menschen damals tatsächlich verwurzelt waren, zeigt sich auch an den Personalien der Filmbesetzung. Sei es nun Zufall oder perfider Kunstgriff Käutners: In Der Rest ist Schweigen sind die Opponenten, der aus der Emigration zurückkehrende John Claudius und sein Stiefvater Paul, mit Schauspielern besetzt, die eine ihren Rollen jeweils entgegengesetzte Geschichte erlebt haben. Während Hardy Krüger, der während des Krieges als junger Schauspieler in Deutschland lebte und in Propagandafilmen wie Junge Adler mitwirkte, den US-Rückkehrer spielte, verkörperte Peter van Eyck den verstockten Nazi-Industriellen, der Volk und Führer mit Stahl versorgt. Peter van Eyck selbst allerdings war früh in die USA emigriert, wo er u. a. mit Orson Welles und Billy Wilder arbeitete, und war nach dem Krieg als amerikanischer Kontrolloffizier nach Deutschland zurückgekehrt, um als Leiter die Filmsektion der amerikanischen Zone zu regulieren.

Die Figuren des Films, allesamt und bis in die kleinsten Rollen hinein mit hervorragenden Darstellern besetzt, sind sämtlich von psychischen Verletzungen gezeichnet, deren Auswirkungen sie kaum unter Kontrolle haben. Die Folgen der Nazijahre haben sich in die Charaktere gegraben und lassen inmitten der noch immer von Trümmern geprägten und verschneiten Landschaft eine fragile Gesellschaft zurück.

Filmisch und darstellerisch ein großes Vergnügen, dient Der Rest ist Schweigen aber auch auf vorzügliche Weise dem Nachspüren einer Befindlichkeit, die Ende der 1950er Jahre das alles zu übertönen versuchende Wirtschaftswunder in Deutschland unterschwellig eben doch diktierte. Erstmals kommt der Film nun auf DVD heraus, Bild und Ton digital restauriert – eine tatsächlich überfällige Veröffentlichung einer der wenigen gemeinsamen Arbeiten jener beiden Regisseure, die den deutschen Nachkriegsfilm qualitativ so nachhaltig geprägt haben. 2011-09-29 08:59

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap