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Restrepo

USA 2010. R,K: Tim Hetherington, Sebastian Junger. S: Michael Levine. P: Outpost Films.
89 Min. Arthaus ab 7.7.11

Sp: Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Interviews.

Menschliche Ziele

Von Nils Bothmann Die Kriege in Afghanistan und im Irak beschäftigen die Filmemacher schon seit Jahren. Blockbuster wie Source Code und Déjà Vu verhandeln Terrorängste, Politkino wie Green Zone und Fair Game erzählt uns dann das, was wir eh schon über den Irakkrieg wußten. Tim Hetherington und Sebastian Junger, die Regisseure von Restrepo hingegen geben sich keinem (pseudo-)aufklärerischen Gestus hin und bilden in ihrer Dokumentation lediglich den Kriegsalltag einer US-Einheit ab, deren 15monatigen Einsatz die beiden begleiteten. Einsatzgebiet war das Korengal-Tal, die am meisten umkämpfte Region Afghanistans. Konsequent wählt Restrepo den Blick aus der Froschperspektive, keine Politiker, keine Analysten und keine hochrangigen Militärs kommen zu Wort, sondern lediglich die Soldaten, die in Interviewausschnitten das Gezeigte noch unterfüttern.

Die Regisseure sind keine unbeschriebenen Blätter: Junger schrieb den auf realen Ereignissen basierenden Bestseller »The Perfect Storm«, von Wolfgang Petersen als Hollywoodspektakel verfilmt, Hetherington gewann zahlreiche Preise als Kriegsfotograph und hatte bereits Regie bei Dokumentationen wie Die Todesreiter von Darfur geführt. Im April 2011 kam er bei der Berichterstattung über den Bürgerkrieg in Libyen durch eine Explosion zu Tode. Auch für Restrepo setzten die Regisseure ihr Leben aufs Spiel: In einer der ersten Szenen filmt Hetherington aus einem Fahrzeug heraus, das urplötzlich unter Beschuß gerät, und steigt sogar noch mit den Soldaten aus, als diese das Feuer erwidern. Im Gegensatz zu der dänischen Kriegsdoku Armadillo oder den Werken Michael Moores verwenden Hetherington und Junger kaum inszenatorische oder narrative Mittel des Spielfilms, ihr Material ist, vom Schnitt abgesehen, kaum bearbeitet und bekommt dadurch einen besonders authentischen Gestus.

Vor allem eine Szene brennt sich ins Gedächtnis: Während eines Taliban-Angriffs wird ein Sergeant der Einheit getötet, die Interviewausschnitte bereiten den Zuschauer auf das Gezeigte vor und doch ist der Moment des Leichenfundes eine intensive Seherfahrung. Nicht, weil die Regisseure pietätlos draufhalten würden, im Gegenteil, der Körper des Getöteten ist kaum zu sehen. Viel schockierender ist die ungefilterte Reaktion eines Kameraden, der die Leiche sehen will und gleichzeitig doch nicht, und zwischendrin verzweifelt brüllt: »That’s not Rougle!«

Erfreulich wertneutral, ehrlich und sympathisch ist das Portrait der Soldaten. Diese sind zum Großteil nicht besonders gebildet, erweisen sich in den Interviews stellenweise dennoch als ausgesprochen reflektiert. In dem sehr empfehlenswerten zusätzlichen Interviewmaterial, das es nicht in den Film schaffte, aber als Bonus auf der DVD vorliegt, beweist einer der Soldaten mehr Weitsicht als viele Kommandeure: Er zweifelt an, daß sie tatsächlich, wie vorgesehen, »Hearts and Minds« der Afghanen gewinnen können, da sie nicht dafür ausgebildet sind und sich oft laut und unreif verhalten. Auch der Umgang mit Trauer ist ohne viele Worte aus den Interviews herauszulesen: Während seiner Erzählungen braucht einer der Soldaten eine Pause, ein anderer grinst bei jeder noch so persönlichen Geschichte, was in diesem Kontext aber eher wie das Anzeichen eines Traumas wirkt.

Jeder Aspekt des Einsatzes wird gleichberechtigt beleuchtet, nicht nur die Trauer um Kameraden wird gezeigt, sondern auch eine Szene, in der sich die Soldaten diebisch freuen, als einer ihrer Scharfschützen einen Talibankämpfer regelrecht zerlegt. Man sieht die Schwierigkeiten bei den Verhandlungen mit den Einheimischen, die Versuche des Kommandierenden, die durch Guantanamo und ähnliche Zwischenfälle entstandenen Befürchtungen zu zerstreuen; oft muß er sich jedoch in sanfte verbale Aggression flüchten.

Der Name Restrepo bezieht sich auf einen Außenposten, den die Einheit unter Beschuß aushob und nach einem gefallenen Kameraden benannte. Hier verschanzen sich die Soldaten, hier werden sie angegriffen, hier scherzen sie aber auch, halten Ringkämpfe zur Bestätigung der eigenen Männlichkeit ab oder tanzen eigenwillig zu den Klängen von Samantha Fox’ »Touch Me«. In solchen Szenen unmittelbarer Authentizität zeigt sich dann die erlesene Qualität von Restrepo, die wesentlich sympathischer als bemühtes Politkino ist. 2011-11-01 09:28

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