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Nostalgia de la luz – Nostalgie des Lichts

Nostalgia de la luz. F/RCH/D 2010. R,B,S: Patricio Guzmán. K: Katell Djian. S: Emmanuelle Joly. M: Miguel Miranda, José Miguel Tobar. P: Atacama Productions, Blinker Filmproduktion, Westdeutscher Rundfunk, Cronomedia u.a.
90 Min. Real Fiction ab 25.11.11

Sp: Spanisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: 5 Bonus-Kurzfilme von Patricio Guzmán.

Die Schwerkraft der Erinnerung

Von Heiko Martens Die Atacamawüste in Chile ist einer der trockensten Orte der Erde. Dennoch wird diese unwirtliche Gegend schon seit Jahrtausenden von Menschen besiedelt – von indigenen Völkern, den Spaniern ab dem 16. Jahrhundert, den Arbeitern in den Silber- und Kupferlagerstätten und in jüngster Zeit den Astronomen mehrerer großer Sternwarten, die auf den Bergen errichtet wurden, um einen möglichst unverstellten Blick auf das Weltall zu erhaschen.

Neben der Religion ist die Astronomie ein Kulturgut, das wie kein zweites von der Suche nach Antworten auf ganz grundsätzliche Fragen angetrieben wird. Dabei ist die Wissenschaft der Gestirne mitunter ehrlicher, denn das Reizvollste einer Forschung ist doch, wenn statt einer Antwort zwei neue Fragen aufgeworfen werden. Somit verflüchtigt sich die Erkenntnis im Angesicht des Zeitenstroms. Das Jetzt löst sich auf, wenn unter anderem aus Science-Fiction-Lust in der Vergangenheit geforscht wird – ist das Licht der Sterne doch nie ein aktueller Status Quo, sondern immer Bericht von längst Vergangenem. Je weiter die Astronomen in der Zukunft mit den Mitteln beobachtender Technik ins All vorstoßen werden, desto näher kommen sie dem Ursprung aller Dinge.

Die Zeiträume, in denen hier gedacht wird, sind episch – und kein Vergleich zu dem vordergründig näherliegenden Forschungsgegenstand jüngerer Vergangenheit. Chiles Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte liegt vergleichsweise brach – die der Ureinwohner im Zuge der Kolonialisierung ebenso wie der mühsame und nicht zuletzt aufgrund zahlreicher Putsche längst noch nicht abgeschlossene Prozeß hin zu einem demokratischen System.

Nostalgia De La Luz widmet sich diesen beiden Themenkomplexen, in denen Archäologie und Astronomie eine so widersprüchliche wie logische synergetische Existenz eingehen. Während eine Stacheldrahtumzäunung aus einer Bergarbeitersiedlung ein Konzentrationslager des Militärs macht, eröffnet der Blick in die Sterne grenzenlose, weil auch innere Freiheit. Der chilenische Regisseur Guzmán, Jahrgang 1941, bleibt bei den Sujets seines Films nahe an den eigenen Erfahrungen und investiert in die Faszination für die Sterne ebenso viel Herzblut wie in die liebevolle, weil unverstellte Konfrontation mit den Wunden seines Landes.

Seinen Protagonisten gibt Guzmán zunächst nur sparsam Gesicht und läßt sie meist über die makellose Visualisierung parlieren, wobei er auch ganz persönlich Wort ergreift. Im weiteren Verlauf rücken die Menschen auch im Bild mehr in den Vordergrund, wenn z.B. Mütter im Wüstenstaub nach den Überresten ihrer Söhne, weggeschafft und verscharrt vom Militär, suchen. Dieser formale Wechsel geschieht so behutsam wie zwingend. Daß der Film trotzdem nicht in zwei Teile zerfällt, liegt sowohl am starken Thema wie auch an den Bildern, die sich gegenseitig zu befruchten scheinen – ein Planet, ein Schädel? Die Mondoberfläche, die chilenische Wüste?

Guzmans Film wurde schon als »Lebenswerk« tituliert, was angesichts der Filmographie des Regisseurs zu kurz gegriffen ist. Dennoch ist Nostalgia De La Luz meisterhaft, weil weise. Insofern ist Guzmán auch weniger religiös denn Astronom: Zwei neue Fragen sind meist besser als eine Antwort, die zu kurz greift und lügt. 2012-03-12 16:45

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