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Noise and Resistance

D/E 2011. R,B,S: Francesca Araiza Andrade. B,K,S: Julia Ostertag. P: Julia Ostertag Produktion.
87 Min. good!movies 27.1.12

Sp: Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Erweiterte Interviews mit Gee Vaucher und Penny Rimaud (21 min.), Nicht verwendete Szenen (32 min.), Trailer.

Abseits des Mainstreams

Von Jens Mayer Eine verfallene Halle mit weißen und ergrauten Backsteinen. Durch die schmalen Fenster knapp unterhalb der Decke scheint das grelle Licht von draußen. In der Mitte steht ein junger Mann mit einer kleinen Tolle und einem angedeuteten Irokesenschnitt vor einem Mikrophonständer, umringt von vielleicht zwanzig Zuhörern. Sie tragen Mützen, Kapuzen, auch ein klassischer Stachel-Irokese ist dabei. Punks. Der junge Mann mit Gitarre spricht russisch: »Denkt immer selbst nach. Wenn euch jemand was vorschreibt, fragt euch immer, ob er Recht hat. Macht euch eure eigenen Gedanken, und betrachtet kritisch, was vor sich geht.« Zustimmung und Applaus.

Dann beginnt er zu singen; über die grauen Uniformen und den Genossen Major, die bärtige Laus. Darüber, daß es Zeit sei zu handeln, die Stadt von der grauen Plage zu befreien, über fliegende Flaschen und fallende Gewehre. Die Anwesenden recken die Fäuste in die Luft und schmettern die Worte inbrünstig mit. Der junge Musiker heißt Ukrop und lebt in Moskau. »Punk bedeutet für mich Action. Es heißt, etwas zu tun,« erzählt er im Gespräch, während Bilder von vermummten Autonomen mit Megaphon und Transparenten zu sehen sind. »Man macht etwas selbst.«

Es ist der Kern des Films von Julia Ostertag und Francesca Araiza Andrade. In ihrem Szene-Portrait Noise And Resistance – Voices From The DIY Underground stellen die Filmemacherinnen europäische Aktivisten vor, die außerhalb des gesellschaftlichen Mainstreams an ihren Utopien eines besseren Lebens arbeiten, und sich dabei soweit wie möglich unabhängig machen. Sie machen ihre eigene Musik, eigene Texte, ihre eigene Kultur und veröffentlichen sie abseits der üblichen Verwertungskette. Sie leben in besetzten Häusern, Wagenplätzen oder anderen alternativen Wohnprojekten, hinterfragen Werte und Moral des kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Systems. Sie wehren sich gegen die Vereinnahmung durch einen gesellschaftlichen Konsens, der für sie maximal ein verwässerter Kompromiß bedeutet.

Nicht erst seit der Occupy-Bewegung sind Aktivisten wie sie mitten in der öffentlichen Diskussion angekommen, die häufig aus ihren Reihen angestoßen wird. Nichtregierungsorganisationen wie die Globalisierungskritiker von Attac gehören als Opposition zu westlich-geführten Kriegen, sozialer Ungerechtigkeit, Atomkraft oder die Macht der Finanzmärkte seit über einer Dekade weltweit zum politischen Meinungsbild. In Deutschland sind sie durch prominente Mitglieder wie CDU-Politiker und Stuttgart 21-Schlichter Heiner Geißler längst im liberalen (»Wut«-)Bürgertum angekommen.

Ostertag und Andrade stellen exemplarisch eine Reihe dieser Aktivisten und Netzwerke vor, zeigen die Gemeinsamkeiten und Ursprünge, konzentrieren sich aber auch auf einzelne Schwerpunkte der Bewegungen, die sie u.a. in Stockholm, Barcelona, Oslo, Berlin oder London aufsuchten: Geschlechterrollen, Kapitalismus- und Systemkritik, Individualismus, Antifaschismus, DIY (Do it yourself) und Gerechtigkeit. Die Musikkultur ist ein wichtiger Bestandteil dieser Welt. Sie macht ihre Ideale zum Bestandteil der Popkultur und ihrer Rezeption. Ob nun Punk, HipHop oder Folk – seit den Anfängen der Popmusik gehört der Soundtrack der Aktivisten zum direktesten und emotionalsten Mittel, die Botschaften über den Wirkungskreis der »Konvertierten« hinaus zu verbreiten. Die hier vorgestellten MusikerInnen (Crass, Seein Red, Sju Svara Ar, Sookee u.v.m.) unterscheiden nicht zwischen Kunst und Politik, für sie bedingt das eine das andere. Deswegen eignet sich dieser Aufhänger so gut für den Einsteig in diese kleinen Parallelwelten.

Noise And Resistance zeigt seine Protagonisten mit all ihrer Fantasie, ihrem Idealismus, aber auch ihrer Radikalität. Das letzte Kapitel um das Schicksal und den Kampf der jungen Antifaschisten in Moskau verdeutlicht jedoch auch wie Hoch der Preis für diesen Mut sein kann, wenn man täglich mit der Gefährdung von Leib und Leben fürchten muß, sei es durch aggressive politische Gegner oder repressive Staatsgewalt. Besonders dieses, durch die Wahl in Rußland und die einhergehenden Putin-Proteste hochaktuelle Thema macht deutlich, wie wichtig solche Idealisten sind, die von ihren Gegnern so gerne als Spinner und Träumer abgekanzelt werden. 2012-04-02 09:18

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