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Lila Lili & Petites Révélations – Zwei Filme von Marie Vermillard

Lila Lili (F 1999), Petites Révélations (F 2006).
160 Min. Filmgalerie 451 ab 2.12.11

Sp: Französisch (DD 2.0). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.33:1, 1.78:1 anamorph. Ex: keine.

Von offenen Anfängen und Enden

Von Esther Buss Wenn Lila Lili ein verläßliches Zentrum hat, dann ist es allein Micheline, die schwangere Hauptfigur. Alles andere – die Erzählung, die Perspektive, die Beziehungen der Figuren untereinander – bleiben bis zuletzt in Bewegung, lassen sich in keine feste Ordnung zwingen. Dabei ist Lila Lili kein Film, der sein »Nicht-Gebautsein« auf irgendeine Weise ausstellen würde. Die Abfolge von Augenblicken, die zusammen genommen alles andere als ein komplettes Bild einer Figur (oder einer Welt) ergeben, hat dennoch etwas Organisches; der Bruch, der Verzicht auf kausale Zusammenhänge, das unvermutete Aufbrechen des Alltäglichen, sind hier kein Stilmittel, ebenso wenig macht Marie Vermillard aus dem »Verfehlen« einer Sozialstudie ein filmisches Konzept... es »passiert« einfach.

Lila Lili (1998) begleitet Micheline über den gesamten Zeitraum ihrer Schwangerschaft. Deren Umstände, das Fehlen des Vaters etwa, bleiben im Dunkeln, werden aber auch nicht als Rätsel in den Vordergrund gespielt; wie so manches in diesem Film nimmt man es als Selbstverständlichkeit hin. Micheline lebt in einem Frauenhaus, ein Ort, in dem sie gleichermaßen eingebettet ist wie sie darin autonom, gewissermaßen kontextfrei, agiert. Vermillard, die selbst als Sozialarbeiterin gearbeitet hat, zeigt wie die Frauen sich in den Gängen des Heims unterhalten, miteinander lachen, Tanzbewegungen vorführen, sich fürs Ausgehen zurecht machen, aber auch wie die räumliche Enge Aggression produziert, das Genervt-Sein von Kindergeschrei, die Überforderung angesichts der Bürokratie. Begriffe wie Sozialwohnung, Papiere oder Abtreibung fallen, konstruieren aber nie ein klar umrissenes Feld sozialer Konflikte. Auch die Perspektive des Films ist nicht stabil, wechselt von der eher dokumentarisch anmutenden Beobachtung beiläufig in die Subjektive, etwa wenn die Kamera Michelines ziellos umherschweifenden Blick aus dem Fenster nachspürt oder wenn wie in einer Vision ein galoppierender Hirsch vor ihren Augen auftaucht. Dann, ganz plötzlich, während eines Picknicks, erweitert der Film unvermutet seinen Blick: aus dem Nichts erscheint ein leeres Ausflugsboot und schiebt sich zu Mozarts Totenrequiem ins Bild. Wie ein gläsernes Geisterschiff läßt es die, die zuvor den Film mit ihrem Leben ausgefüllt haben, für einen Augenblick im Hintergrund verschwinden.

In dem späteren, rund einstündigen Film Petites Révélations (2006) wird die Momentaufnahme zum filmischen Konzept erklärt. In neunzehn Szenen, teilweise sind es Fragmente von Szenen bzw. aus ihrem Kontext herausgelöste Miniaturen, läßt Vermillard ihre Figuren in Situationen geraten, in denen ihnen irgendetwas zu viel wird, zu nahe rückt: Der eindringliche Blick eines Kindes irritiert die Renovierungsarbeiten einer Frau, ein Mann stirbt plötzlich beim Tanzen, ein bekenntnishafter Monolog in einem Waschsalon ruft Betretenheit hervor, ein Mann flüchtet vor seiner Putzfrau. Petites Révélations ist zwar acht Jahre nach Lila Lili entstanden, wirkt aber eher wie eine vorbereitende Studie zu dem späteren, ungleich souveräneren und freieren Film. Denn im Vergleich zu Michelines Geschichte wirkt das Fehlen einer offensichtlichen Dramatisierung mitunter allzu demonstrativ ausgestellt, auch gewinnt das Prinzip »Unberechenbarkeit« innerhalb der rhythmisierten Abfolge etwas Ungelenkes, gelegentlich sogar Berechenbares. Das Schöne an Lila Lili hingegen ist, daß aus der Vielzahl an offenen Anfängen und Enden doch so etwas wie Kontinuität entsteht und sich ein Vertrauen in die Figur einstellt, so rätselhaft sie auch bleibt. 2012-04-04 09:36

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