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Bigger Stronger Faster*

USA 2008. R,B: Chris Bell. B: Tamsin Rawady. B,K: Alexander Buono. S: Brian Singbiel. M: Dave Porter. P: BSF Film.
105 Min. Ascot Elite ab 6.9.11

Sp: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2,35:1 anamorph. Ex: Trailer.

Kultur der Steroide

Von Nils Bothmann Chris Bell wuchs in den 1980ern auf, der Ära Reagan, der von Rocky IV und Rambo II geprägten Dekade, in der die Hulkamania begann – jenem Jahrzehnt, das wie kein anderes für den Körperkult um Bodybuilding und »musculinity« steht. Er war ein klein gewachsener Junge, sein älter Bruder Mike dick, sein jüngerer Bruder Mark hatte eine Lernschwäche. Kraftsport war ihr Ausweg: Wrestlingspiele im elterlichen Keller, Erfolge als Gewichtheber für Chris und Mark, Captain des Footballteams und kurzzeitige Wrestlingkarriere für Mike. Steroide waren etwas für Loser. Zumindest dachte Chris dies, nur um feststellen zu müssen, daß nicht nur Idole wie Schwarzenegger oder Stallone sie nahmen, sondern auch seine Brüder.

Der Langfilmdebütant versucht, den Umgang mit Steroiden zu verstehen, löchert seine Brüder ebenso wie Politiker, Wissenschaftler und Aktivisten mit Fragen. Was er findet, sind Meinungen, keine Antworten. Sein persönliches Fazit: Seinen Brüdern haben die Steroide nicht geschadet. Ein Schlußsatz, der viele IMDb- Nutzer zu Beschimpfungen des Films als Pro-Steroid-Werbung verleitete. Doch Bigger Stronger Faster* ist weder für noch gegen Steroide, es ist vor allem ein Film über die Kultur, in der sie konsumiert werden. Eine Kultur, die bestimmte Körperideale verkauft, zu der Nahrungsmittelergänzungen, Fotomontagen und legale Aufputschmittel genauso gehören wie die kriminalisierten Mittel. Dabei spricht sich Bell nicht unbedingt für die Legalisierung der Leistungsverstärker aus, sondern deckt vor allem die Janusköpfigkeit des Systems auf, eines Systems, das gedopte Sportler zuläßt, wenn sie Medaillen holen und in dem Schwarzenegger, der seinen Steroidkonsum zugab, staatlicher Fitneßbeauftragter wurde.

Das Besondere an Bigger Stronger Faster* ist aber die persönliche Note des Ganzen: Mike nimmt immer noch an Shows in Turnhallen teil, was Erinnerungen an dem im gleichen Jahr erschienenen The Wrestler hervorruft, beide Brüder können sich einen Verzicht auf die Substanzen nicht vorstellen, lügen aber ihre Umwelt an: Den Eltern haben sie die Nutzung nicht eingestanden. Als Anfänger auf dem Gebiet des Dokumentarfilms ist Bell nicht immer hundertprozentig sicher als Regisseur, imitiert im Schnitt allerdings geschickt den Sturm an Sinneseindrücken, denen ein amerikanischer Medienkonsument ausgesetzt ist: Heimvideos wechseln sich mit Actionfilmausschnitten ab, ein Simpsons-Clip mit Interviews – eine wilde, aufregende Montage für eine höchst interessante Doku über den amerikanischen Körperkult und seine Auswüchse. 2012-06-20 16:05

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #64.

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